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LUKAS CRANACH
Leipzig, Museum
QUELLNYMPHE
gleichlichen Ausdruck fand. Die kühne, ganz
atektonische Komposition, das aufgewühlte
Kolorit, die schmerzliche Ergriffenheit der
Gebärde fand in der früheren Münchner Kreuzigung
eine so starke Prägung, daß man zeitweilig
geneigt war, dieses Bild dem Grünewald
zuzuschreiben. Und zugleich findet sich hier
in der Landschaft des Hintergrundes jene im
Blauen verschwimmende, zarte, romantische
Stimmung, die Altdorfer und den Meistern
des Donaukreises vornehmlich eignete.
Die innige Idylle, die hier bewegt, fand dann
in dem Berliner Bild der „Ruhe auf der Flucht"
einen innigen Ausdruck. Sie breitet sich aus in
zarten, flüchtig gewobenen Zeichnungen und
lebhaft erregten, freilich mehr anekdotischen
denn dramatischen Holzschnitten.
Die gefällige Geschmacklichkeit gerade dieser
Holzschnitte, die einer mehr in die Breite
denn in die Tiefe wirkenden höfischen Kultur
entgegenkam, bestimmt Cranachs Werk seit
seiner Übersiedlung nach Wittenberg. Seine
starke Begabung verleugnet sich auch in seinen
späteren Arbeiten, soweit sie eigenhändig sind,
nicht. Es gibt Bilder, die von einer fruchtbaren
Auseinandersetzung mit den Formgedanken der
italienischen Renaissance Zeugnis ablegen; so
jene breite, feierliche Kreuzigung mit dem
knienden Kardinal Albrecht von Brandenburg,
wo die breite epische Masse des tiefen Rot
im Gewand wunderbar gegen das dunkle Grün
der Landschaft und das schwere Violett des
Himmels stehen. Seine Phantasie, die mit
Wäldern, Satyrn und den Tieren des Paradieses
spielte, ermattet nie völlig. Und in manchem
jener köstlichen elfenbeinernen Frauen-
figürchen der späten Jahre mischen sich köstlich
die goldschmiedhaft spröden Linien der Spätgotik
mit dem zarten Charme des Rokoko.
*
Die Atmosphäre höfischer Ideale, in der er
lebte und die Nachgiebigkeit des eigenen Naturells
brachten ihn dazu, die köstlichen Eingebungen
seiner Phantasie betriebsmäßig zu
verwerten. Aus dem Einfall wurde Manier,
seine Begabung ein Unternehmen, die nicht
geringen Formgedanken versickerten in einer
sehr bürgerlichen Kleinwelt. Sein Publikum,
dem er Genüge tat, wollte es so und pries ihn
darum. Hätte ihm ein gnädiges Schicksal nur
die Lebensjahre eines Grünewald oder Dürer
zugemessen, so gewann unzweifelhaft auch die
Erinnerung an ihn ein heroisches Relief.
So wirkt seine Gestalt als Zeichen einer
Zeit, deren Kultur und Formkraft sich erschöpft
hatte. Lag es daran, daß das schöpferische
Ingenium Deutschlands so gänzlich
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