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RICHARD SCHEIBE KIND MIT TAUBE
kennt nur den einen steilen Weg: bewältigen,
die Massen unterkriegen, Slevogt dagegen beobachtet
, studiert und trägt dann geschmackvoll
, oft elegant vor. Sein Selbstbildnis vor
der Staffelei mit der Judith ist hierfür gutes
Beispiel; sein Simson an der Säule bestes Beispiel
für die Beweglichkeit und Intensität
seiner Phantasie, Form und Ausdruck, Handlung
und Milieu in einen suggestiven Moment
aufgehen zu lassen.
Von jener Gruppe, die als Nachfahren des
Impressionismus, von Pascin, Levy, Purr-
mann, Degener, Rösler, Weißgerber usw.
bis zu Hofer reichen, ist überall gute Qualität
zu sehen. Ihre Eigenarten sind bekannt, liegen
fest und haben ihr Recht. Am schwersten fällt
es Carl Hofer sich zu konzentrieren. Seine
große Geschicklichkeit, seine leichte Anpassungsfähigkeit
, seine dekorative Note haben ihn
den Weg über Marees, Cezanne zu Schmidt-
Rottluff finden lassen. Der Trommler, den man
in das Kabinett des rigorosesten Expressionisten
, zu Schmidt-Rottluff gehängt hat, könnte
auf den ersten Blick mit jenem verwechselt
werden. Allein es bleibt doch nur ein geistvoller
dekorativer Witz, wie Farbe und Fläche
Bewegung und Raum zustande bringen.
Ein ganzes Kabinett ist Max Pechstein
gegeben. Von seinen Kollegen aus der „Brücke"
war er einst der Reifste, der, welcher seinen
Stil am schnellsten gefunden hatte. Da drohte
er sich gemächlich auf sich selbst auszuruhen
und schwang frohgemut seine Farbflächen
dekorativ über die Bildflächen, bis sie zu
Wanddekorationen herabzusinken drohten. Er
scheint . sich noch rechtzeitig besonnen zu
haben und Festigkeit an Stelle von leerer Großheit
haben treten lassen. Sein eminentes Talent,
dessen herausfordernde Kühnheit dem Corinths
ähnlich ist, wirft oft die künstlerische Gesinnung
leicht beiseite. In letzten Arbeiten, von
denen auch hier einiges neben früheren Arbeiten
, darunter ein köstliches Stilleben zu
finden ist, beginnt eine höhere Einsicht wieder
die Werte in Ausdruck und Komposition energischer
zu prüfen. Hier könnte die Art Erich
Heckeis für ihn anregend werden. Für sie alle
bedeutete der schnelle Aufstieg in der Wertung,
bei der ein eilfertiger Handel besonderen Anteil
hatte, eine große Gefahr. Ihre Eigenart
wurde zu einem leichtfaßlichen Reklameschild
umgemünzt. Heckel war einer der ersten, dann
Kirchner, die fühlten, daß das innere Reifen
anfing zu leiden. Heckeis leicht asketisch grübelnde
Art, die auch auf dieser Ausstellung in
dem Mädchenbild so sympathisch sich ausspricht,
wollte wirkliche Expressionen geben, die den
Reiz und die Stärke von Selbstbekenntnissen
besitzen. In seinen Landschaften, besonders
dem stillen Wasser im Grünen, geht Raum und
Farbe in tiefen, selig ruhenden Klängen zusammen
. Gegenüber der weitausgreifenden Note
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