http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0050
HEINRICH NAUEN
STILLEBEN MIT GLADIOLEN
Ausstellung- Potsdamer Kunstsommer
sich der Künstler sicher vor hergebrachten
Vorstellungseinflüssen und diese Reaktion führte
naturgemäß dazu, sich nur an die direkten
Wahrnehmungen zu klammern, die Vorstellungswelt
wurde sozusagen vogelfrei. Damit waren
ihr alle Tore geöffnet, alle Möglichkeiten gegeben
. Nie ist soviel gesuchter Tief sinn, Mangel
an natürlichem Empfinden und gesundem Menschenverstand
in der bildenden Kunst verzapft
worden als gerade heutzutage bei dem mißverstandenen
Grundsatz l'art pour l'art. Anstatt
die Vorstellungen gänzlich zu reinigen von
unkünstlerischen Elementen, sie künstlerisch zu
kultivieren, wird sie als roher Fremdkörper
direkt mit einem Stück Naturstudium in Verbindung
gebracht, das sie als Kunst rechtfertigen
soll. Der Kontrast ist aber natürlich
um so schreiender.
Aus allem bisher Gesagten ergibt sich, daß
das. Individuelle, das als Realisierung eines
Vorstellungsgebildes entsteht, gar nichts zu tun
hat mit dem Individuellen, welches der direkten
Naturwiedergabe angehört. Beim freien Schaffen
handelt es sich um eine innere Wahrheit, beim
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