http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0052
OSKAR KOKOSCHKA
Ausstellung Potsdamer Kunstsommer —
dramatisch aneinanderzuschweißen. In der Vorstellung
des dramatischen Geschehnisses ist vielmehr
der äußere und der innere Vorgang unzertrennlich
verschmolzen. Die Situation zeichnet
sowohl die Figur wie umgekehrt. Jeder Zug
der Figur ist generelle Lebensäußerung, jeden
Zug können wir miterleben, nachfühlen, weil
er eben generell ist. Bei einer Figur, die nicht
einheitlich wirkt, liegt der Fehler schon in der
Gesamtkonzeption. Wie in der Plastik ein Bewegungsmotiv
unzusammenhängend sein kann,
so daß z. B. die Bewegungen des Oberkörpers
und der Beine nicht zusammenstimmen, so
kann auch das dramatische Motiv auseinanderfallen
und zu Widersprüchen innerhalb der
Figuren führen. Man kann nicht genug die
Vorstellung festhalten, daß Vorwurf, Einzelsituation
und Figur ein und derselbe Organismus
sind, nur von verschiedenen Gesichtspunkten
aus betrachtet. Auf diese Weise entsteht
immer mehr Leben vor uns, aber wir
glauben nur bestimmte Personen vor uns zu
haben. Diese Wirkung ist so natürlich und
stark, daß wir von den Personen reden wie
von wirklich Existierenden und sie allmählich
ganz vom Stück ablösen. Es ist das die unmittelbare
Wirkung des Kunstwerks, die jedoch
aus dem Kunstwerk und seinem wirklichen
AUSWANDERER
Mit Erlaubnis von Paul Cassirer, Berlin
dichterischen Element hinaus und weiterhin zu
falschen Vorstellungen von dem künstlerischen
Gestalten führt. Das Wesentliche beim Dramatiker
ist ja die Art und Weise, wie bei ihm
Leben entsteht und dies Leben gilt nicht nur
den Figuren, sondern dem geheimnisvollen, unzertrennbaren
Gefüge menschlicher Regungen
und fortwirkender Handlungen als poetischem
Ganzen. Das ist es, was uns mitreißt und erschüttert
.
Das Interesse an der Einzelfigur wird naturgemäß
noch erhöht durch den Schauspieler.
Mit ihm tritt ein neues Moment in die dramatische
Dichtung, durch ihn wird das vorgestellte
Individuelle des Dichters in die Wirklichkeit
gestellt und zur Porträtkunst. Weil
der Schauspieler selbst ein wirklicher ist, nicht
weil er die bestimmte Rolle spielt. Er muß
den glaubwürdigen Übergang des dichterisch
Individuellen in ein wirkliches Individuum
schaffen, und das ist eine selbständige, ganz
neue Aufgabe. Es gibt vortreffliche Schauspieler
, die doch bei aller Kunst nur den Eindruck
eines lebendigen Porträts geben.
Es ist aber ihr Individuelles, nicht das vom
Dichter geschaffene, sie täuschen dann durch
die Stärke ihrer Individualität über die Figur
des Dichters hinweg. Andere bleiben wieder in
34
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0052