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JOHANN CHR. REINHART
RÄUBERISCHER ÜBERFALL IM GEBIRGE
uns geschildert hat. Das Plastische, jedes Glied
völlig zu Ende Gestaltete dieses großen Raumbildes
hinterläßt einen heiteren Wohlklang,
der auf den anderen Tafeln sich allmählich
bis zur nordischsten Ossianromantik steigert.
Dem zweiten größeren Stück gibt er durch
Weiterführung des Mittelraumes hinter den
Rahmen hinweg in die Seitenbilder eine künstliche
Einheit. Die bewegte Kraft der Teile im
schnellen Tempo von auf- und abwärts gemahnt
an seine frühen Radierungen. Die
üppige Vegetation bringt vollere Gegensätze
hinein. Man glaubt, mehr in der Nähe der
Serpentara bei Olevano zu sein. Im schmälsten
Feld erzwingt er den Raum durch Tiefenschichtung
, indem er einen tiefen Wald mit
einem Jäger und mehreren Hunden ohne Zwang
hineinkomponiert.
Bevor die Gemälde dem Raum im Palazzo
Massimi 1829 eingefügt wurden, stellte der
Künstler sie einen Monat lang in seinem Atelier
aus, „das erste Mal, daß ich etwas so publik
ausgestellt habe, was ich bloß auf Zureden
meiner Freunde tat". Eine Unzahl von Künstlern
aller Nationen kamen, „und ich hatte das
Vergnügen, daß in ganz Rom nur eine Stimme
war, ein allgemeiner Beifall". Besonders war
sein Gönner, der König von Bayern, von diesem
Werk begeistert und bestellte vier Ansichten
des von ihm gekauften Giardino di
Malta. „Wie ein zweiter Romulus", klagt er,
„muß er in diesen Prospekten Häuser, Paläste,
Kirchen zum zweiten Male aufbauen", eine
sehr prosaische Arbeit. Es sind geringwertige
Arbeiten, die 1835 fertig wurden und der Neuen
Pinakothek - München gehören. W. Kurth
„Der Literat vermag hemmungslos jede neue Erscheinung
freudig zu begrüßen, der Kunstfreund aber,
und gar der schaffende Künstler, ist nicht in so bequemer
Lage, da er mit dem Maßstab der eigenen Sehweise
an die neuen Dinge tritt. Der Künstler versteht
nur das Kunstwerk, das er liebt, und er liebt nur das,
das er versteht. Dieser Konflikt wird besonders schwer
Werken gegenüber, deren Technik — wenn Technik die
Kunst in der Kunst bedeutet — der seinigen nicht nur
diametral entgegengesetzt erscheint, sondern die seinige
zu vernichten gewillt ist, in deren Wesen sich aber
trotzdem ernstes, künstlerisches Streben dokumentiert.
Wer selbst in seiner Jugend die Ablehnung des
Impressionismus erlebt hat, wird sich ängstlich hüten,
gegen eine Bewegung, die er nicht oder noch nicht
versteht, das Verdammungsurteil zu sprechen, besonders
als Leiter der Akademie, die, wiewohl ihrem Wesen
nach konservativ, erstarren würde, wenn sie sich der
Jugend gegenüber rein negativ verhalten wollte. . . .
Jede neue Kunstströmung schafft eine neue Form.
Aber die neue Form muß auch die Kraft in sich haben,
eine neue Kunst zu erzeugen, denn, wie Kant sagt,
es kann auch ,,originalen Unsinn" geben. Ob nun die
neue Form vorbildlich werden wird — das einzige Kriterium
für das wahrhaft Künstlerische in jeder neuen
Form —, darüber entscheidet endgültig nur die Zeit,
denn nur sie kann ein abgeklärtes Urteil geben, das
über dem Streit der Parteien steht. Die Zeitgenossen
werden nie mit vollkommener Gewißheit unterscheiden
zwischen Willkür und Notwendigkeit. . . . Die Akademie
soll der Regulator an der Kunst sein : die Tradition
in der Kunst erhaltend, aber nicht in der Tradition
erstarrend, sie darf keine Festung werden, in der die
Angekommenen und die Anerkannten sich gegen die
Jungen verschanzen, deren Äußerungen, jenseits von
schön und häßlich, etwas bieten, was keine andere
Kunst zu geben vermag,nämlich etwas von dem Wesen
der Tage, die wir durchleben und die uns deshalb mehr
angehen als alle anderen Tage."
Max Liebermann
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