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jener leider im Aussterben begriffenen Rasse,
die selbst in ihrer Vaterstadt nur noch dünn gesät,
in Süddeutschland aber so gut wie unbekannt
ist. Er sprach nicht den heimatlichen Dialekt,
aber er beherrschte ihn meisterlich und bediente
sich seiner gelegentlich beim Erzählen oder im
Gesang, wobei er oft unwiderstehlich komische
Wirkungen erzielte.
Mit dem Weggang Kalckreuths (1906) hatte
die frohe Geselligkeit des Stuttgarter Künstlerbundes
ein jähes Ende gefunden, allerlei interne
Zwistigkeiten brachen aus und auch Heine Rath
fühlte sich vereinsamt und in Erinnerung an
die schöne, mit den alten Kameraden verlebte
Zeit wehmütig gestimmt. Er verließ Stuttgart
und siedelte nach Berlin über. Das unruhige
Getriebe der Großstadt veranlaßte ihn aber
bald, seinen Wohnsitz nach einem Vorort zu
verlegen und er richtete sich in dem ihn durch
seine landschaftliche Schönheit besonders anregenden
Werder an der Havel häuslich ein,
wo er ungestört arbeiten konnte und alsbald
eine eifrige Schaffenstätigkeit begann. Hier
entstand die schöne Farbenlithographie mit der
gleichsam visionären Ansicht von Stockholm
und ebenso fallen die ersten Holzschnittversuche
in diese Zeit. Auch die stille Freude
an den Blumen, die ihn ferner durchs Leben
begleitete, fand in Werder reiche Nahrung.
Ein eigener Garten bot ihm Gelegenheit, die
Blumenzucht praktisch zu erlernen und mit
unermüdlicher Ausdauer zu pflegen.
Heine Rath war keine produktive Natur.
Er liebte, wie Dürer sagt, das „fleißige Kläubeln"
und konnte stundenlang beim sorgsamen Vergleichen
seiner Holzschnitte über die Vorzüge
und Mängel der in der Farbenwirkung immer
verschiedenen Einzeldrucke plaudern. Eine
seinem Charakter angeborene seltsame Pedanterie
veranlaßte ihn sogar über den Verbleib
jedes Blattes genau Buch zu führen, so daß
er über den Bestand seiner Arbeiten in den
meisten öffentlichen Sammlungen ziemlich genau
orientiert war.
Der vier Jahre währende Aufenthalt in
Werder, der nur durch seine alljährlichen
Sommerreisen nach Skandinavien und eine
größere nach Island unterbrochen wurde,
zählte zu den schönsten Erinnerungen seines
Lebens. Kleinere oder größere Verdrießlichkeiten
, hervorgerufen durch häufigen Besitzwechsel
des Grundstücks, veranlaßten ihn dann,
seinen langgehegten Plan einer großen Reise
zu verwirklichen.
Die Jahre 1910—1911 führten ihn nach Frankreich
, England, Spanien, Nordafrika und nach
den Inseln im Mittelländischen Meere. In
London fesselte ihn besonders das kaufmännische
Getriebe der City, in Nord-Frankreich
der prächtige Menschenschlag, im Mittelmeer
die Natur und in Spanien die Kunst. Reich
an Erfahrungen und mit erweitertem Blick
kehrte er nach Berlin zurück und erhielt 1913
eine Berufung an die Stuttgarter Akademie,
wo man ihm den Lehrstuhl für Holzschneidekunst
anbot. Nach reiflicher Überlegung nahm
er an, obwohl er sich klar darüber war, daß die
beschauliche Ruhe seines bisherigen Schaffens
durch das Heraustreten aus dem Privatleben
in die Öffentlichkeit stürmischeren Zeiten
weichen würde. Entscheidend für diesen ernsten
Lebensabschnitt war das Bewußtsein, der geliebten
Kunst an verantwortlicher Stelle mehr
nützen zu können, als es ihm vordem möglich
gewesen war.
In das erste Jahr der neuen Tätigkeit,,'in
die er sich mit Feuereifer stürzte, fiel der Kriegsbeginn
. Er litt schwer unter der Länge des
Krieges mit seinen unerfreulichen Begleiterscheinungen
, und die Ernährungsschwierigkeiten,
denen er, soweit sie die im Felde stehenden
Freunde draußen betrafen, in rührender Fürsorge
abzuhelfen bemüht war, veranlaßten bei
ihm selbst eine übergroße Körpergewichtsabnahme
und eine Verschlimmerung seines alten
Herzleidens. Die Widerstandskraft des ehedem
starken Körpers war zu Ende. Am Ende des
Krieges, an dem persönlich teilzunehmen ihm
bei seiner schwankenden Gesundheit unmöglich
gewesen war, fühlte er sich seelisch gebrochen,
den Niedergang des Vaterlandes und, wie er
meinte, den Untergang der Kunst vor Augen.
Sein einziger Gedanke war nur noch, sich aus
der Öffentlichkeit zurückzuziehen, wieder in
stiller, abgeschlossener Natur sich selbst leben
und arbeiten zu können und so vielleicht noch
einmal an Körper und Seele zu gesunden. Er
erwarb einen kleinen Besitz mit Haus und
Garten in Eybach an der Steige, unweit Geislingen
, wo ihm die Möglichkeit winkte, sich
nebenher wieder mit Obst- und Blumenzucht
beschäftigen zu können.
Aber diese Freude sollte ihm nicht erfüllt
werden. — Sein Herzleiden verschlimmerte sich
und nach langen qualvollen Wochen setzte der
Tod seinem arbeitsamen Leben, das aus treuer
Pflichterfüllung bestanden hatte und doch auch
reich an Stunden frohen Genießens gewesen
war, ein jähes Ziel.
Wenn man das graphische Lebenswerk Heine
Raths überblickt, das mit einigen noch etwas
unpersönlichen Radierungen anhebt, aber schon
in der energisch konturierten Ansicht von Smögen
(Abb. S. 50) eine höchst eigenartige Note aufweist,
so findet man zunächst in seinen Farbensteindrucken
Blätter von außerordentlichem Reiz.
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