http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0074
Weiß-Folge der „Deutschen Städte" die Sehnsucht
zur Farbe in ihm auflebte, und da er sie
in der Druckgraphik notwendig einschränken
und zurückdämmen mußte, beschloß er aufs
neue wie in den Jahren seiner Jugend zu Pinsel
und Palette zu greifen, um die zauberhafte
Maienschönheit Stuttgarts, die sich ihm von
der Höhe seines Obstgartens gesehen so unvergleichlich
und überwältigend zu Füßen ausbreitete
, in einem großen Bilde zu bannen. Vor
Abschluß seiner Tätigkeit an der Akademie
im März 1920 sollte das Bild, zu dem er das
Studienmaterial längst zusammengetragen hatte,
fertig sein und es wurde fertig. — Er raffte
sich noch einmal körperlich und seelisch auf,
um diesen Abschluß seines Lebenswerkes zu
beenden, und der Gedanke daran war so intensiv
in ihm, daß er in seinen letztwilligen Verfügungen
bat, diese Frühlingsapotheose Stuttgarts
zu Häupten seines Sarges aufzustellen und sie
statt mit Rosen und Palmzweigen mit frischen
Obstblüten einzufassen. Der Tod, der ihn schon
zu Anfang April, als er sich bei den Gartenarbeiten
in Eybach eine schwere grippeartige
Erkältung zugezogen, gleich nach seiner Heimkehr
wiederholt hart angefaßt hatte, schien
ihm mitleidig diesen letzten Herzenswunsch
erfüllen zu wollen, denn er geduldete sich noch
bis zum 5. Mai und nahm ihn erst dann, als
das Tal drunten mit den es umgebenden Höhen
wieder in voller Blütenpracht stand, mit sich
hinweg zu den von keinem Kampf berührten
lichteren Gefilden des ewigen Friedens.
Max Lehrs
HEINE RATH
MÜNCHEN
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