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del Castagno formte in dem Fresko zu Florenz
(Chiostro di S. Apollonia) die Souveränität des
geistigen Helden. Der hohe Ernst der bronzehart
eingerissenen Züge, der strenge, wie eine
Mahnung angreifende Blick, die asketische
Energie des festen Mundes, der hohe Wuchs
der Gestalt mit dem weit ausgreifenden Arm
antiker Rednergestalten schaffen einen neuen
Typus. Eine Summe von traditionellen Zügen
und Willensmomenten der eigenen Zeit rückt
die Vorstellung Dantes aus dem individuell
Zeitlichen hinauf in die Höhe der Idee. Raffael
hat dann zwei Menschenalter später in den
Fresken der Stanza della Segnatura (1511) zu
Rom den Dantetypus geschaffen. Der Kopf aus
der „Disputa" atmet übermenschliche Größe.
Ein rücksichtsloser Wille zur Macht durchglüht
Haltung und Formen. Wie Felsen lagern
und türmen sich die Massen. Unter der breiten
Stoßkraft der Stirn und den gewaltigen Schirmdeckeln
der Brauen lagert sich das dunkle
Glühen der prophetisch ins Weite gerichteten
Augen. Waren doch noch niemals menschliche
Augen so tief in alle Weltenteile des Jenseits
eingedrungen und hatten von allen Geheimnissen
die Schleier gerissen, über alle Dunkelheiten
Licht gebreitet. Es ist nicht der Dichter
— dessen tiefe Versunkenheit gab Raffael in
der Gestalt auf dem Parnaß — es ist die große
Sendung, ist Geschichte selber, nicht Mensch,
die hier Raffael gestaltet. Unter den großen
Kirchenlehrern reiht er ihn auf. Wie ein lebendig
gewordenes Gewissen steht er als Schützer
des Glaubens, als Rufer der Wahrheit vor uns.
Der alles Leiden der Menschen durchdacht,
erlebt, der mit dem einzelnen tiefste Mitleidsseufzer
tauschte, nicht ihn sehen wir vor uns,
sondern das Ganze als Ordnung, als Recht des
Gottesstaates.
In diesem Dantekopf Raffaels spiegelt sich
Lebens- und Weltanschauung des größten
Papstes der Renaissance und des Auftraggebers
Raffaels. Wie ein Fernbild Julius II. erscheint
dieser Kopf.
Alles was später kam, wie die Bronzebüste
im Museum zu Neapel, wie die sogenannte
Totenmaske in den Uffizien zu Florenz (um
I55o), sie alle sind Kombinationen jener beiden
Raffaelbilder.]
Schon früh, bald nach dem Tode des Dichters
, forderte der allegorische Sinn der Göttlichen
Komödie Ausleger, welche des Dichters
Heimatstadt Florenz bestellte. Welche ungeahnte
Wirkung hätte wohl dem Dichtwerk
zufallen können, wäre dem 14. Jahrhundert
schon jenes volkstümlichste aller Veranschau-
lichungsmittel, der Holzschnitt bekannt gewesen,
mit dem die deutsche Illustrationskunst des
SIGNORELLI SZENEN AUS DANTES „GÖTTLICHER
KOMÖDIE" (FEGEFEUER)
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