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BOTTICELLI SZENE AUS DER „GÖTTLICHEN KOMÖDIE". PARADIES i. GES. (BEATRICE
FÜd*r DANTE ZU DEM SPHÄREN DES PARADIESES EMPOR)
15. Jahrhunderts im Norden Volk und Kunst
aufs innigste verband. So blieben die ersten
Illustrationen — und seltsam, auch alle folgenden
mit Ausnahme des 19. Jahrhunderts — einmalige
Zeichnungen, die erst moderne Vervielfältigung
popularisierte. Die Fülle der Geschehnisse, die
Eindringlichkeit, mit der der meißelnde und
malende Dichter Mensch und Raum schildert
und den Leser zum Teilnehmer der Handlung
werden läßt, regte die Phantasie der bildenden
Künstler machtvoll an. So war der zweifache
Gegenstand des großen Dichtwerkes zwei Gattungen
von Auslegern übergeben. Der buchstäbliche
Gegenstand, welcher das Leben der Seele
nach dem Tode mit der ewigen Verdammung in
der Hölle, mit dem Sühnenweg im Purgatorio,
mit der gereinigten Weihe im Paradies schilderte,
war den Illustratoren, den Auslegern im Bild
anvertraut. Der zweite Gegenstand, der allegorische
, blieb den literarischen Kommentatoren
vorbehalten. Erst im 15. Jahrhundert beschäftigt
sich die Malerei eindringlicher mit dem Riesenaufbau
der Dichtung, dessen Dreiteilung Hölle,
Fegefeuer und Paradies die Phantasie jedesmal
vor eine derartig verschiedene Welt stellt, daß
in der Tat nach Dante selber niemand mehr
aller drei Welten hat Herr werden können.
Die größte Illustrationsfolge, dem äußeren
wie inneren Ausmaß nach, ist uns in den Federzeichnungen
Sandro Botticellis erhalten, die
sich im Kupferstichkabinett der Berliner Museen
befinden, wohin sie 1882 aus dem Besitz des
Lord Hamilton gelangten. Großfolioblätter
(Pergament) tragen auf der Vorderseite das
Bild, auf der Rückseite den Text, so daß jeder
Gesang mit einem Bild geschmückt ist. 85 Illustrationen
befinden sich in Berlin, acht im Vatikan,
der Rest ist verloren gegangen. Botticelli hat
sie nach der Rückkehr aus Rom 1483 wohl
begonnen im Auftrage von Pier Francesco
de Medici. Unvollendet — denn teils ist die
Unterzeichung des Silberstiftes noch nicht ganz
mit der Feder nachgezogen, und andererseits
wird, da drei Blätter in Deckfarbenmalerei farbig
ausgeführt sind, die Absicht bestanden haben,
die ganze Folge zu kolorieren — wissen wir
nicht, ob der Künstler den großen Plan aufgab
oder der Besteller oder ob des Medici Tod (1503)
Ursache des Fragments wurde. Jedenfalls aber
scheint eine trübe Wolke über dieser Riesenaufgabe
gelagert zu haben, spricht doch Vasari
von einem „endlosen Wirrsal in seinem Leben".
In Botticelli trat, 150 Jahre nach Dante,
eine Phantasiekraft der Dichtung gegenüber,
die einen Hauch ihres Geistes verspürt hatte.
Illustrieren heißt beleuchten, heißt Licht auf
etwas werfen. Die am Worte kleben, die
„sich kein Bild von der Sache machen" können
, bringen nur Bilderbücher hervor. Die
gute Illustration ist die, welche das Bild nicht
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