Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 58
(PDF, 78 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0082
3i. GESANG (DIE GEFESSELTEN GIGANTEN) D

neben das Wort, sondern an die Stelle des
Wortes setzt. Gute Illustration sind „Bilder ohne
Worte". Der große Illustrator hat das Recht
der Subjektivität. Botticelli war ein Ausleger
des Geistes. Persona sofistica nennt ihn Vasari.
In kaum endender Bespiegelung phantasiert
die spirituelle Kunst Botticellis um die monumentale
Schwere Dantes. Er läßt die oft grandiose
Dumpfheit, die lapidare Kürze des Dichters
zu psychologischen Analysen werden. Der
dichterische Reiz liegt in diesen Enthüllungen.
Des Geschreis, des Gelärmes, des Getöses jener
höllischen Menschenstrudel ist sein subtiles
Raisonnement oft nicht Herr geworden — nur
Dürers apokalyptischen Phantasien wäre hier
ein kongeniales Gebiet entstanden. Aber die
ewig veränderliche Situation findet in ihm zum
erstenmal lebendigen Nachhall, und jene Zwiegespräche
Dantes mit den gequälten Seelen
über ihr Schicksal finden einen feinen Beobachter
. War es schon Dantes Größe gewesen,
alles Geschehen jener Welten in dem Erleben
seiner eigenen Person, die er in das Dichtwerk
einführt, reflektieren zu lassen, so liegt auch
bei Botticelli die Größe auf der Gestalt Dantes.
Auf manchen Illustrationen erscheint sie bis
zu vier- oder fünfmal. Wir sehen Dantes Erleben
, sehen alle Nuancen seelischer Teilnahme
vom liebevollsten Mitleid bis zum tiefsten Entsetzen
. Mit einem unerhörten Reichtum hat er

den körperlichen wie geistigen Ausdruck in
Dantes Gestalt veranschaulicht. Wir sehen
Dante erleben, sehen, wie der Moment ihn erfaßt
, so daß wir selbst zu Dante werden und
jene Welt in der eigenen Phantasie entstehen
fühlen. Wenn nach Goethe die Aufgabe und
Größe des Illustrators darin besteht, die Dichtung
im Bild zu Ende zu denken, so hat außer
Botticelli keine Illustrationskunst diese Höhe
wieder erreicht. Im Fegefeuer, wo das dramatische
Leben abnimmt, wo nicht Skizze an Skizze
sich schiebt und Symbole sich ausbreiten,
treibt seine Phantasie üppigste Blüten. Den
letzten Gesängen des Fegefeuers, dem Triumph
der Kirche in der Begegnung Beatrices und
Dantes ist ein verführerisches Gepränge und
ein märchenhafter Zauber verliehen, der orientalisch
anmutet und persische Miniaturen zur
Voraussetzung hat. Den höchsten poetischen
Reiz entfalten die Dialoge Beatrices und Dantes
im Paradiese. Immer wieder erscheinen sie
in Gesprächen über die letzten Abstraktionen,
und immer wieder vermag Botticelli in Haltung
und Geste ihnen Leben zu geben, mit denen
er die etwas langstreifigen theologischen Spekulationen
an diesem Teil der Dichtung erfrischt.

Neben den poetischen Ranken, mit denen
Botticelli jene Welt des Dichters umflochten
hat, erscheinen die kleinen Grisaillen, welche
Signorelli in die Pilaster und Sockel seiner

58


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0082