http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0085
G. DOR6
DANTES „GÖTTLICHE KOMÖDIE". DIE HÖLLE, 5. GESANG
(DIE UNZÜCHTIGEN VON DEN STÜRMEN GETRIEBEN)
großen Fresken über die letzten Dinge im Dom
zu Orvieto eingefügt hat, wie ein großer Sittenrichter
. Sein Ton ist hochernst, streng objektiv.
Ihn kümmert weniger wie Dante und Botticelli
das dichterische Erlebnis und seine packende
Versinnlichung, sondern jene kosmische Gesetzmäßigkeit
, — jenes unabänderliche Maß, mit
dem jene andere Welt gebaut ist. Wenige
Personen, knapper Raum, alles festes Gefüge.
Sein Stil ist der der Terzinen Dantes. Klar
schält sich bei ihm ein Gedanke heraus und
eine klare Situation beleuchtet ihn. Wie moralschwere
Sentenzen hämmert der grandiose
Ernst Signorellis den Kern, den didaktischen
Zweck der Dichtung heraus. Das Spiel der
ornamentierten Architektur ist die Lust des
15. Jahrhunderts. Signorelli legt den Stil seiner
Zeit neben den Ernst des Dichtwerkes, Botticelli
legte ihn hinein und löste ihn in feine spirituelle
Gewebe auf.
Fast drei Jahrhunderte blieb der große Phantasieschatz
der Göttlichen Komödie ungenutzt.
Was Stradanus und Zuccero in ihren Illustrationen
um 1580 beizubringen hatten, war Bild
neben dem Wort, aber nicht an Stelle des Wortes.
Erst der deutschen Romantik kamen wieder
mit des Dichters Person und Werk eigene Gesichte.
Der Norden mit seinem neuen Kunstfrühling befreite
das Eis rationalistischer Abstumpfung. 1802
nannte ihn der größte Philosoph der deutschen
Romantik, Schelling, den „Hohenpriester", der
die ganze moderne Kunst für ihre Bestimmung
einweiht. Und im selbigen Jahre beginnt in Rom
Josef Anton Koch seine leider noch immer zu
61
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0085