Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 64
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verliehen hat. Die unerhört leidenschaftliche
Gestaltung der höllischen Zustände und Schicksale
ist ganz nach seiner Art. Den Wirbelsturm
jener Gefilde zwingt seine landschaftliche
Phantasie in Menschenmassen hinein. Ein
freier offener Strich — die schönsten Blätter
in der Nationalgalerie in Berlin — reißt summarisch
die Gebilde mit großen Linien zusammen
. Hier ist im Kontur nichts von jener
dünnen, matten Art der Nazarener, nichts von
jener Politur der Klassizisten. Und in der Erfindung
greift er hoch hinauf zu Signorelli und
Michelangelo. In stilleren Szenen kommt auch
zuweilen seine große Meisterschaft im Bauen
von Flächen und Räumen zur Geltung, die
diesem Erneuerer der klassischen Landschaft
eigen war. Und diese mag es gewesen sein,
die ihm den kühnen Mut gab, die Fresken der
Villa Massimi weiterzuführen, die Cornelius geplant
hatte. Reinhardt befürchtete, daß er hier
sein Maß überschreite. Er hatte recht. Der Ton
ist, wie in den Zeichnungen, sehr hoch gegriffen,
die Erfindung stark und sicher, aber das Figurale
ging über sein Können teilweise hinaus.

Schon vor Koch hatte Flaxman 1793 sich
der Göttlichen Komödie zugewendet. Es war
nach den Illustrationen zur Ilias und Odyssee.,
in kleine Umrißkupfer versuchen der Fülle
der Gesichte Herr zu werden. Vom Inferno
ist der Schauer des Ewig-Unversöhnlichen gewichen
. Kleine Episoden sind übriggeblieben,
die bei geringem äußeren Aufwand der Handlung
die Würde des Gegenstandes wahren. Die
Form verläßt aber nirgends die wohltemperierte
Schichtung des klassizistischen Reliefs. Und das
Paradies ist pietistisch fromm und lieblich wie
Wedgwood-Porzellan.

Die Deutschen haben den Klang voller erfaßt.
Grandios im Pathos der Einzelfigur, die zwar
die unermeßlichen Räume der Dichtung ganz
vergißt, rollt die Deklamation dahin, die Genelli
in seinen 36 Umrissen (1830) der Dichtung
geweiht hat. Wundervoll ist der intellektuelle
Fanatismus dieses abstraktesten der Deutsch-
Römer, mit dem er seine Gesichte zwingt. Sie
erschienen ihm nicht im Fluge durchs Jenseits
wie Dore. Schwerblütig, schwerfällig, intellek-
tualistisch, alles das kann man den Holzschnittillustrationen
Gustav Dores (1861) nicht nachsagen
. Genelli streift oft hart diese Eigenschaften
. Aber er hat eins dem großen Franzosen
voraus; er ringt und wir schauen allerdings
weniger Dante als Genellis Künstlerleben. Die
„Schule der Geläufigkeit", in der hier der späte
Dore seine Phantasien kinematographisch abrollte
, hat manchmal den momentanen Reiz
kosmischer Überraschungen. Delacroix' Dante-
Barke kannte noch die infernalen Schauer,
kannte noch die grandiose Wucht der Geschehnisse
, kannte die große Leidenschaft, die terri-
bilitä. Nicht der Dichtung Inhalt, wohl aber
ihr ,,Bausinn" könnte noch oft der Stein werden,
an dem der Stahl unseres Geistes seine Funken
schlägt. w. Kurth

J. FLAXMAN □ DANTES „GÖTTLICHE KOMÖDIE". FEGEFEUER, 19. GESANG
(DIE GEIZIGEN BEWEINEN IHRE SÜNDEN)

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