Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 69
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0095
TH. VON GOSEN

GLOCKEN MO DELL

als Kopie der Holzkonstruktion wörtlich in den
Steinbau übersetzt, denn die Bauformen waren
durch ihre Verwendung an den Tempeln derart
sakral gefestigt, daß man auch im Steinbau nicht
mehr von ihnen abweichen durfte.

Mitten in ihrer vollen Blüte überraschte ums
Jahr 1200 der eindringende Islam die indische
Kunst. Wie ein befruchtender Regen, sagte man
früher, — wie ein Reif in der Frühlingsnacht, sagt
man heute. Gewiß, es wurde vom islamischen Sturm
manche Blüte geknickt, aber der Islam brachte
neue Baugedanken; sie kamen aus holzarmem Land,
wo sich der Gewölbebau ausgebildet hatte. Er sollte
sich in Indien weiter entwickeln zu ungeahnter
Höhe, denn der Stamm indischer Kunst hatte Säfte
genug, um neue Schosse zu treiben, die sich den
neuen Bauaufgaben schmiegsam und kraftvoll zugleich
aufs glänzendste anpaßten. So ist es geschehen
, daß der Islam in keinem anderen Land
so herrliche Werke geschaffen hat wie in Indien,
weil er in keinem Land auf eine so hohe Kultur
stieß wie hier, wo von alters her zahlreiche wohlausgebildete
Kunstschulen blühten.

Von Norden her war der Islam ins Land gedrungen
wie alle Zuwanderung. Der Süden des
Landes wurde davon am wenigsten berührt. Hier
blüht noch heute der Schivakult wie vor Tausenden
von Jahren. Die wagrechte Schichtung der Tempelpyramiden
Schivas beruht auf einem symbolischen
Prinzip wie die nach oben strebenden Rippen der
Tempelpyramiden Vischnus, und so geht es weiter
bis in Einzelheiten, die wohl noch lange nicht alle
ergründet sind. Auf dem Gebiet der religiösen
Plastik treffen wir dieselbe Regel, auch hier sind
Bildung,Stellung und Bewegung der Göttergestalten
genau vorgeschrieben. Die Entwicklung schreitet
aber dennoch fort, sie bemächtigt sich der durch
Symbolismus und Ritual geheiligten Form vor
allem durch ornamentale Verfeinerung und Veredlung
. Das künstlerische Leben liegt im Ornament.

Darum mußte das vornehmliche Streben dieser
Veröffentlichung auf eine ausgiebige und anschauliche
Wiedergabe des Ornaments gerichtet sein;
so erklärt sich das große Format der Tafeln. Den
Fachgenossen und Kunsthandwerkern wird damit
besonders gedient sein. Es lag dem Verfasser
alles daran, von dem gewaltigen Phänomen der
indischen Baukunst ein deutliches Bild zu geben.

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