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letzten Höhe, der jetzt so vervollkommneten
Reproduktionstechnik.
Beruhigt, nicht getäuscht zu werden, geben
wir uns also einem neuen Genüsse an Böcklins
Schöpfungen hin. Ganz anders als bei den
Zeichnungen anderer Meister teilt sich uns
große Genugtuung darüber mit, daß jenen
Sammlern und Sammlungen gelungen ist, diese
Blätter aus dem Heiligtume ihres Schöpfers
gewonnen und der Nachwelt bewahrt zu haben.
Denn Böcklin selbst hat fast keine dieser
Zeichnungen für die Öffentlichkeit, kaum für
die Aufbewahrung bestimmt. Nur seine Vertrauten
sahen wohl Zeichnungen seiner Hand.
Die Skizzen, d. h. die in glücklichen Momenten
rasch festgehaltenen Bildeinfälle— entscheidend
oft für eine ganze Kette von Schöpfungen —
waren nur für ihn selbst Notizen. Er gab sie
nicht aus der Hand und was ihm davon nichts
mehr bedeutete oder was ihm als Erinnerung
etwa hemmend beim neuen Gestalten im Weg
war, hat er vernichtet. Die zuverlässigen Belehrungen
, die uns Schmid über die Schaffensgewohnheiten
Böcklins gibt, sind ebenso wertvoll
für das Bild, das wir uns von seiner Persönlichkeit
machen dürfen, wie für das Verständnis
der einzelnen vollendeten oder unvollendet
gebliebenen Gemälde.
Wenn jetzt nur etwa 200 Zeichnungen und
einige Skizzenbücher von Böcklin erhalten sind,
läßt das wohl darauf schließen, daß der Künstler
selbst das meiste zerstört hat, ja daß er
auf seine Zeichnungen weniger gehalten als
andere und daß er vermutlich nie so unendlich
viele Studien gemacht, wie die Mehrzahl
der Landschafter und Figurenmaler des letzten
Jahrhunderts. Nach Schmids interessanter
Mitteilung hat Böcklin offenbar auch die
Studien anderer Künstler nicht geschätzt. Als
ihm Schmid einmal Abbildungen nach Entwürfen
und Studien Grünewalds vorlegte, geriet
er vor den Entwürfen in Aufregung, während
ihn die schönen Studien merkwürdig kalt
ließen. Das was von innen heraus gerät, nannte
er tausendmal wertvoller als die richtigste
Studie.
Heyse täuschte sich freilich 1852, wenn er
in Böcklin einen Maler sah, der „ohne Studien
und Entwürfe" schaffe. In der Tat hat
Böcklin fast nur etwa bis zum 28. Jahre eifrige
Naturstudien gemacht. Seine spätere, künstlerische
Anschauung sprach sich ja entschieden
gegen das Verarbeiten von Naturstudien zu
Bildern aus. Bei Schick, bei Floerke u. a.
finden sich hierfür genug Aussprüche des
Künstlers. „Man soll nicht ein Stück Natur
zu einem Bilde verarbeiten, sondern man soll
etwas erfinden, und dann die Natur zu Rate
ziehen." Er fand, wie Schmid erwähnt, niemals
ein Naturobjekt passend für ein Bild.
Aus irgendwelcher malerischer Kontemplation
heraus — oft genug nicht etwa vor der Natur,
sondern wohl auch beim Glase Wein — konzipierte
er im Moment seine bildliche Schöpfung,
aber er wollte, daß alles wirksam sei, er wollte
das, was charakteristisch; und so sah er sich darauf
, nachdem die ganze Konzeption schon Bild
geworden, irgendeine Naturform — sei es
Baum und Astansatz, Hand und Finger — gründlich
an, um da und dort den gefühlten Ausdruck
zu korrigieren, zu verstärken. — In
solcher Schaffensweise berührt sich Böcklin
recht eng mit dem Willen der Jugend von
heute. Freilich, gerade hier bleiben die Gegensätze
fühlbarer als die Beziehungen, denn er
bleibt im Bereiche seiner Schönheit und Stimmung
. Für seine Zeitgenossen aber war er als
Quasi-Bekämpfer der Natur, als Weglasser
alles allzu Naturgetreuen, vielmehr als Sucher
starker Naturgefühle ein entschiedener Vorgänger
, der lange genug deshalb seine Wege
einsam verfolgte.
Die große Freude an dem vorliegenden
Werke wird ganz wesentlich gefördert, sie
bleibt uns für jeden Genuß an einem Gemälde
Böcklins treu durch die Art der Auswahl. Es
kam Schmid nicht darauf an, alles mögliche
von der Hand Böcklins vorzulegen. Schmid
ging, seiner mehr nach innen wirkenden Persönlichkeit
folgend, anders vor. Er will uns
das allmähliche Werden einzelner Schöpfungen
Böcklins verfolgen, genießen lassen. Und das
gelingt ihm vorzüglich in der Auswahl der
Blätter und den wenigen, aber immer vollgewichtigen
Worten und Aufschlüssen des Textes.
Wo Böcklin am liebsten weilte und sich umschaute
, was und wie er die Natureindrücke
in sich aufnahm, wie er sie verarbeitete, abwandelte
, all das haben wir noch nie so klar
und überzeugend verfolgen können, wie in diesem
Werke. Es käme mir jedoch wie indiskret,
ja wie räuberisch vor, aus den hier dargebotenen
Ergebnissen der liebevollen Forschungen
Schmids diese oder jene Wegeverfolgung einer
Böcklinschen Schöpfung herauszugreifen. Wäre
doch hier nur ein Abschreiben zulässig, denn
wer so vorbildlich behutsam mit Wort und
Zeile, mit Angabe und Feststellung umgeht
wie Heinrich Alfred Schmid, den darf man nur
ganz allgemein oder wortwörtlich zitieren. —
Als dauernd fesselnde Reihen von Tafeln und
Abbildungen, die den Schöpfungsprozeß Böcklins
besonders vertraulich verfolgen lassen,
nenne ich hier nur die Zeichnungen zum Bild
in der Schackgalerie: „Hirtin bei ihrer Herde",
die Abbildungen zur „Altrömischen Wein-
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