http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0178
PAUL CeZANNE
FRAU MIT KOPFTUCH UND BOA (gegen 1885)
schmeidiger Pinselführung ist die Farbe aufgetupft
in gänzlich unmathematischen Formen. Jede
Trübung durch Mischung der Pigmente, jede
Zufallswirkung durch wildes Pinselschlagen ist
vermieden. Wie Jan van Eyck war Cezanne
besorgt, mit den irdisch unreinen und materiellen
Pigmenten die ätherisch durchsichtige
und edle Farbe, die er erblickte und der seine
Liebe galt, zu verwirklichen, und deshalb übte er
in ehrfürchtiger Gesinnung sein Malhandwerk
aus, gespannt und mit angehaltenem Atem. Von
erlesener Makellosigkeit wie opalisierende Edelsteine
, sind diese Gemälde zugleich behutsam
und rapide ausgeführt. Und daraus erwuchs
die Qual des Malers. Wenn vielleicht jeder
große Meister Unmögliches will, empfand Cezanne
die Unlösbarkeit seiner Aufgabe darin,
daß er, zu Richtigkeit und Genauigkeit verpflichtet
, dennoch rasch aufnehmen mußte, weil die
Erscheinung, der sein nie befriedigtes Sehen
zugewandt war, sich im Wechsel der Lichtumstände
stetig wandelte. Gern hätte er bedächtig
beobachtet, wurde aber von dem Sichtbaren
, das vor ihm floh, gejagt und gehetzt.
In dieser Not wählte er einfache, stillebenartige
Gegenstände und verzichtete, wie auf vieles, so
auf „große" Themen.
Ein Baum besteht aus einem Stamm, aus
Zweigen und Blättern: das wissen wir aus vielfacher
Sinneserfahrung; ein Baum besteht aus
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