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KARL BLECHEN
WÜSTENLANDSCHAFT
KARL BLECHEN
ZUR AUSSTELLUNG IN DER AKADEMIE DER KÜNSTE, BERLIN
Von wenigen, aber den Besten im Leben
erkannt, nach frühem Tode über fünfzig
Jahre fast völlig vergessen, brachte erst der
Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der
Kunst Karl Blechens gerechtes Verstehen entgegen
. Und in zwei Jahrzehnten trat Verehrung
und Bewunderung für die geniale Persönlichkeit
des Märkers hinzu. Wenn der Präsident
der Berliner Akademie Max Liebermann ihm
jetzt wieder eine Schau, besonders dem reichen
Studienmaterial widmet, wird eine innere Disposition
zwischen den beiden Berliner Meistern
offenbar, die in dem letzten koloristischen Stil
Liebermanns, besonders in seinen Gartenbildern
zum jubelnden Durchbruch gekommen war.
Man hat etwas zu stark vor zwanzig Jahren
unter dem Eindruck der Befreiung des gesamten
malerischen Handwerks durch den Impressionismus
der Kunst Blechens Pionierdienste des
Impressionismus nachgesagt. Seinem malerischen
Stil fehlt der integrierende Bestandteil
des Impressionismus, die Luft. Licht und Farbe
sind die Werte, in denen sein heißes Temperament
Eindrücke zu koloristischen Wundern
gestaltet, ähnlich dem letzten Stil der Gartenbilder
Liebermanns. Die Bindung der Palette
auf einen Ton, die Einbeziehung der Materie
in den athmosphärischen Generalnenner war
nicht Blechens Sache; nicht Luftfarbe, sondern
Lichtfarbe.
Nur über kaum fünfzehn Jahre erstreckt
sich seine künstlerische Arbeit. Als der fünfundzwanzigjährige
Blechen, satt des trockenen
Tons der zeichnerischen Pedanterie der Berliner
Akademie, 1823 in Dresden der Kunst des
Norwegers Dahl und der K. D. Friedrichs näher
trat, wurde innere Vertiefung und äußere
Befreiung gefördert. So sehr auch ihn die
romantischen Strömungen seiner Zeit in ihre
Strudel zogen, und der Zeitgeschmack nicht
aufgehört hat von ihm Tempelruinen und
verlassene Klöster, Einsamkeit und Wüstenei
zu fordern, blieb dennoch vieles nur Staffage
und nicht Stimmungsexponent. Nicht so sehr
sein Inhalt, als vielmehr der Gehalt in seiner
Kunst war romantisch, die suchende Lust in
seinem impulsiven Temperament, die genialische
Befreiung von den zeichnerischen Scheuklappen
des Zeitstils. Daß eine gewiße innere Un-
stätigkeit nicht genügend Energien zur Entwicklung
kommen ließ, daß das Ergriffenhaben
ihm gleich war mit dem Besitzen, gibt seiner
Kunst den Funken einer romantischen Genialität.
Man kann ohne Schädigung des Gesamteindruckes
bei seinem ersten Werke, mit dem er
1828 eine gewisse Reife erlangte, dem Semnonen-
lager (Nationalgalerie Berlin), die kleinen romantischen
Requisiten, wie Wolkenvorhang und
Wolkenballungen, wie historische Staffage abstreichen
und es bleibt ein Sinn für jene Sachlichkeit
der Dinge, der Erbgut der Berliner
Maler wurde. Die markige Festigkeit des
Terrains, die saftige Breite und Schwere der
Erd- und Laubfarben gingen von Steffeck, der
Blechens Schüler war, auf Liebermann über,
der Steffecks Schüler wurde. Mag der „Liebe-
thaler Grund" (Nationalgalerie Berlin), der fünf
Jahre vorher entstand, die geistige Seite der
Natur potenzieren, er bleibt der Abschluß
einer Generation, während das Semnonenlager
einen Anfang bedeutet. Hier mußte Erlebnis
und Formwille eins geworden sein; Studie und
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