Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 159
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0197
ERICH BÜTTNER

Die Frage, was der letzte Sinn und das höchste
Ziel der Malerei ist, schien nach erbitterten
Kämpfen zwischen Kunstrichtungen, die aus verschiedenen
Weltanschauungen hervorgegangen
waren, endlich zugunsten der impressionistischen
Malerei gelöst, als der Expressionismus sie von
neuem aufrollte. Zolas bekanntes und vielzitiertes
Wort „Kunst ist Natur, gesehen durch ein
Temperament" mußte sich eine Umkehrung
gefallen lassen.

Der Impressionist hatte seine ganze Aufmerksamkeit
und all seine Liebe der Erscheinung
zugewandt. Von ihrem durch Ort und Zeit
bedingten Wechsel gewann er durch sein Auge
jede seelische Anregung. Für eine persönliche
Gestaltung des Gesehenen im Sinne eines Geschauten
boten sich ihm viele
Möglichkeiten in der ihm zugestandenen
freien Wahl des Augenblickes
und der besonderen
malerischen Ausdrucksweise.

Grundsätzlich anders entwickelt
sich das Verhältnis des
Expressionisten zur Welt, nachdem
der Expressionismus aus
einer Zeit tastender Versuche
herausgetreten und zu einer theoretisch
und praktisch gefestigten
Lehre geworden ist. Zwar läßt
sich auch der überzeugteste Anhänger
jener Kunst von optischen
Wahrnehmungen beeinflussen
, aber ehe er sich überhaupt
mit dem Sichtbaren und Greifbaren
auseinandersetzt, steht das
„Bild" schon vor seiner Seele.
Er braucht die Natur nur zur
Umschreibung eines Wollens
oder Gefühls, und wenn es noch
so unbestimmter Art ist. Für
die formale Gestaltung des Bildes
lautet jetzt die erste Forderung
„Stil"; sinnlich wirkende
Farbe und Form sind streng
verpönt.

Die Anfänge jener neuen Bewegung
, die wir die expressionistische
nennen, liegen in einer
Zeit, in der die Malerei einer ermüdeten
materialistischen Kultur
ihren Höhepunkt noch nicht erreicht
hatte. Die ersten Vorboten
des Sturmes, der sie bedrohte,
gehen von Cezanne aus. Seine

verhaltene Leidenschaftlichkeit, geboren aus
Wehen der Revolution, die Europa erschüttern
sollten, breitet sich mit der ihm eigenen Art des
Sehens und Malens seit den neunziger Jahren
des verflossenen Jahrhunderts allmählich über
das ganze Abendland aus. Die Stellung, die
dieser Mann in Frankreich einnimmt, konnte
ihm allerdings in Deutschland nicht werden, weil
sich das Empfinden des deutschen Volkes, das
schon die unbedingte Übernahme des französischen
Impressionismus verweigert hatte, auch
gegen den „Cezannismus" aus nationalem Gefühl
wehrte. Dabei muß zugegeben werden, daß
Cezanne dem deutschen Wesen von jeher näher
stand als irgend jemand seiner französischen
Zeitgenossen. Die deutsche Rasse besann sich

ERICH BÜTTNER

SELBSTBILDNIS

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