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OCCO-EPITAPH (1503)
Augsburg, Domkreuzgang
bische Schule, die sich ihrer Eigenart gemäß
von dem malerischen Überschwang des gotischen
Barock am meisten fernhält, verdient die Beachtung
der Kunstfreundemindestens im gleichen
Maß wie die längst anerkannte fränkische. Mit
Nürnberg hat sie wenig Berührungspunkte; mit
Riemenschneider dagegen, dessen Gestalten unter
allen deutschen Schnitzereien jener Zeit noch am
ehesten populär geworden sind, besteht eine deutliche
innereVerwandtschaft, die wir in Madonnenstatuen
wie der Ravensburger des Friedrich
Schramm (Abb.geg. S. 185) deutlich spüren, ohne
sie vorerst durch Daten der Geschichte erklären
zu können.
Das 15. Jahrhundert fordert von den Bildhauern
immer seltener die monumentale, in die
Architektur der Kirchen eingeordnete Steinfigur
, immer häufiger dagegen die im malerischen
Dunkel des Schreines eingeschlossenen, meist
durch Farbe in Wirkung gesetzten Holzbildwerke
. Die Schwaben haben aber dieser an
sich zur malerischen Gestaltung drängenden Aufgabe
am längsten ihre plastischen Reize abgewonnen
. An der Vorliebe für Einzelstatuen
, die im Schrein nebeneinander aufgereiht
waren, hielten sie fast bis zum Ende des
Jahrhunderts fest. Mißt man die große Zahl
der erhaltenen Werke am höchsten Ziel der
Plastik, so ist kein Zweifel, daß dieses Ziel auch
bei ihnen nicht erreicht, ja daß es in den letzten
Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts aus dem Auge
verloren wird. Den Aufbau des Körpers immer
deutlicher hervortreten zu lassen, ihn zum
Träger des Ausdrucks der ganzen Figur zu
machen, dazu fehlt den schwäbischen Bildschnitzern
wie fast all ihren deutschen Landsleuten
nicht bloß der künstlerische Wille, es
fehlt auch die Grundlage, das Studium der Anatomie
. Ihre Vorzüge liegen auf anderem Gebiet:
in der klaren, rhythmisch reichen und wohltuenden
Linienführung und in der Herausarbeitung
des menschlichen Gehalts. Beides hängt zusammen
: die Ordnung des Gewandes, die Ab-
gewogenheit der Geste dient eben dem Zweck,
die Züge des Gesichtes und ihre Stimmung
wirksam zu machen. So kommt in den reifsten
Schöpfungen ein Eindruck zustande, den viele
als monumental empfinden werden, weil der
Zusammenklang aller Teile uns vergessen läßt,
daß wir über die Struktur des Körperlichen
doch im unklaren bleiben.
Eine Madonna wie die Schutzmantelstatue,
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