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JÖRG SYRLIN D. Ä. SELBSTBILDNIS
Büste vo7ii Chorgestühl des Ulmer Münsters
die früher den Hochaltar der Ravensburger Pfarrkirche
zierte (Abb. geg. S. 185 u. 185), tritt mit der
freien Anmut ihrer Erscheinung aus dem Kreis
des mittelalterlichen Kunstschaffens heraus, so
gewiß das Thema selbst und das Standmotiv
der Figur noch in der Überlieferung befangen
bleiben. In diesem Kopf, in dem Griff der
schönen Hände, und auch in der liebenswürdigen
Schilderung der zehn verschiedenen
Menschentypen, die sich in dem Mantel bergen,
steckt eine neue Anschauung der Wirklichkeit,
ein unbefangenes Schauen und Nachbilden der
Menschenwelt, die den Künstler täglich umgab.
Die Schönheit der Madonna hat in aller Keuschheit
nichts Unirdisches an sich; die Anordnung
des Kopftuchs — die schwäbischen Meister
verwenden es mit besonderer Freude — geht
ganz bewußt darauf aus, den Reiz des jugendlichen
Frauenantlitzes hervortreten zu lassen;
die langen großzügigen Falten des vergoldeten
Gewandes führen das Auge ohne jede Aufdringlichkeit
, erst allmählich wird der Beschauer
sich Rechenschaft darüber geben, worauf der
Adel dieser Erscheinung beruht, mit welch
sicherem Gefühl alle Linien zu einem schwebenden
Gleichgewicht zusammengeführt sind.
Die etwas jüngere Kaisheimer Madonna (Teilansicht
Abb. S. 187) ist noch kraftvoller im Typus,
aber von einem ähnlichen Schönheitssinn belebt
. Wie der Bildhauer — es ist derselbe,
der denberühmten Altar von Blaubeuren schuf —
in der schönen Bewegung des kräftigen Kinderkörpers
die herabströmenden Linien aufnimmt
und unterbricht, wie er die Köpfe von Mutter
und Kind im Niederneigen, im Aufwärtsheben
aufeinander einstellt, wie er liebevoll und lebhaft
die Einzelheiten modelliert und doch alles
auf den Anblick des Ganzen, der großen, fernhin
wirkenden Altarstatue berechnet, das ist ein
Höhepunkt schwäbischer Kompositionskunst.
Der Betrachter, der sich am Wohlklang des
Ganzen erfreut hat, wird immer gern zu ein-
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