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ADOLF DAUHER
Berli?t, Kaiser-Friedrich-Museum —
zelnen Teilen zurückkehren; kein Zweifel, daß
die schwäbischen Köpfe eine besondere Anziehungskraft
ausüben. Die schwäbische Schule
hat gern die Gelegenheiten aufgegriffen, auch
Büsten allein zu bilden. Ganz offenbar ist es
das Interesse an der Persönlichkeit, das hier
bestimmend in die Entwicklung eingreift, das
neue Werte in der plastischen Kunst schafft.
Jörg Syrlin der Ältere mit seinen berühmten
Büsten am Ulmer Chorgestühl gibt schon im
Anfang der 70 er Jahre ein Vorbild, das fortwirkt
, ohne daß freilich die Späteren seine Ausdruckskraft
wieder erreichen. — Am Ende einer
stolzen Reihe männlicher Büsten, die die Namen
der alten Weltweisen tragen, hat der Meister
sich selbst dargestellt (Abb. S. 189). Man sagt viel
zu wenig, wenn man einem solchen Kopf nur
seinen „Realismus" seine gesteigerte Wirklichkeitstreue
nachrühmt. Alle diese Büsten, so gewiß
sie bildnisartig wirken, erheben sich zu einer
typischen Darstellung geistverklärten Menschentums
, wie es in der Geschichte der ganzen Kunst
nicht häufig wiederkehrt. Und so liegt auch
JUDITH
ufnahme der Siaatl. Bildstelle, Berlin
gerade über den Zügen dieses Mannes, der in
der bescheidenen Tracht des Bürgers und Handwerksmeisters
ein wenig zusammengedrückt die
am wenigsten sichtbare Ecke des Gestühls einnimmt
, mehr als bloß die Mühsal der Arbeit,
es ist der Stolz des Künstlers, der Adel des
schauenden und schöpferischen Geistes ihnen
aufgeprägt.
Nicht immer erhebt sich die Menschengestaltung
zu dieser Höhe. Aber auch wo in einer
einfachen Heiligenstatue, wie dem Berliner Sebastian
(Teilansicht Abb. S. 186) nichts weiter
gesucht wird als die Würde eines männlichen
Dulders, wird man doch in der Vereinfachung
der Züge, in der Betonung des Wesentlichen, der
wirksamen Umrahmung des Gesichtes den Zug
zur Ruhe und zur Größe nicht verkennen, der
aus Syrlins Schule stammt. Ein Steindenkmal wie
das Occo-Epitaph von 1503 in Augsburg (Abb.
S. 188) gliedert sich ganz von selbst hier an. Wie
einfach ist dieser Kopf in Wirkung gesetzt! Eine
schön gezeichnete architektonische Rahmung,
das schlicht und großzügig behandelte Beiwerk,
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