http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0241
DAS URTEIL SALOMOS (?), BRUCHSTÜCK
Wien, Sammlung Figdor
dieses Gruppenporträts. Der Kaiser, der Maximilians
Züge trägt, der Heilige, die stehenden
und sitzenden Gestalten, sie scheinen eine Versammlung
von Augsburger Patriziern, mild
und abgeklärt in ihrer männlichen Schönheit
, ihrem gehaltenen Ernst. Das kleinbürgerlich
Freundliche liegt hinter ihnen, selbstbewußt
und ruhevoll stehen sie vor uns, im
Charakter und in der Stimmung den gemalten
Bildnissen der Zeit durchaus verwandt. Man
denkt an die zeitgenössischen Medaillen, an
Köpfe wie den „Georg Fegelen" oder an Hagenauers
„Bischof Philipp von Freising" im
Kaiser-Friedrich-Museum, wenn man die eindringliche
Modellierung dieser Züge, die eindrucksvolle
Umrahmung der Köpfe durch Barett
und Haube betrachtet. Die Gebärden sind
ruhig, fast zu langsam für den dramatischen
Inhalt. Die Aufmerksamkeit des Beschauers
wird ganz auf den Blick der Hauptpersonen
gelenkt. Das bringt besonders in die schlichte
Martinusszene eine geistige Spannung, eine
bildmäßige Konzentration, die von dem wuchtigen
Gewandmotiv noch unterstützt wird.
Die Handlung tritt zurück, die Person in
ihrer besonderen, geschichtlichen Existenz gewinnt
eine neue Bedeutung. Deutlicher als
vielleicht die Zeitgenossen spüren wir Heutigen
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