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Zeichnung der Schlacht bei Roßbach, eine klare,
übersichtliche Komposition. Mochte schon hier
die Aufforderung der Berliner Akademie an die
Künstler, Gegenstände der brandenburgischen
Geschichte zu behandeln, die äußere Veranlassung
zu dem Entwurf gewesen sein, so war
ein Konkurrenzausschreiben der Anlaß zu seinem
Denkmal des großen Königs, das 1791 auf der
Berliner Ausstellung im Gipsmodell erschien.
Nach seinen eigenen Worten hatte der Künstler
sich bei dem leider zugrunde gegangenen
Werke „vorgesetzt, soviel von der persönlichen
Ähnlichkeit und den charakteristischen Eigenschaften
dieses Helden auszudrücken, daß er
auch in seiner (vorgeschriebenen) antiken Um-
kleidung, dennoch kenntlich sei, ohne dadurch
die Größe und Reinheit der Formen .... hintanzusetzen
".
Ja, auch die Satire auf Zeitgenössisches geht
bei Carstens nicht ganz leer aus: eine Zeichnung
von 1789 stellt dar den Kampf der Vernunft
(unternommen unter dem Schutze der
Minerva) mit der Dummheit und Roheit (unter
dem Schutze des Priesters), und auch das noch
zu erwähnende Traumorakel des Amphiaraos
ist vielleicht auf Zeitgenössisches zu beziehen
(Fernow-Riegel S. 374).
Unter den Allegorien hat ihn mehrfach die
Nacht und die ihr naheliegenden Dämmerzustände
von Abend und Morgen beschäftigt.
Aus der Lübecker Zeit stammt eine Zeichnung
der Nacht in den Armen Morpheus', sowie
Zeichnungen vom Abend und Morgen mit
niedergehendem und aufsteigendem Helios. In
die Berliner Zeit (1789 oder 1790) fällt der erste
Entwurf zur Nacht mit ihren Kindern, die 1795
die endgültige Gestalt erhält und 1796 in Öl
ausgeführt wird. Vonunbestimmter Entstehungszeit
ist die Zeichnung des Morgens, wo Eos
auf ihrem Wagen am Himmel heraufzieht.
Nach Michelangelos Abend, Nacht und Morgen
gibt es Zeichnungen von Carstens; bezeichnenderweise
nicht vom „Tag". In ähnliche
Gedankenverbindungen gehört die Darstellung
der Geburt des Lichts, die Carstens zuerst 1791,
dann 1794 zweimal versucht.
Er kommt mit diesen letzteren Themen einer
Zeitströmung entgegen, die in der romantischen
Literatur eine außerordentlich große Rolle
spielt. Nacht und Dämmerung sind der mystischen
Seite im Menschen so besonders
günstig, erwecken Ahnungen und Stimmungen,
die vor dem Schein kalten Tageslichtes nicht
standhalten*). Die Außenwelt schweigt, um die
Innenwelt desto lebendiger werden zu lassen.
Kein Wunder, daß in der romantischen Literatur
*) Vgl. K. Simon: Romantik und bildende Kunst in
Deutschland. Preuß. Jahrbücher Bd. 171 (1918), S. 175 f.
die „heilige, unaussprechlich geheimnisvolle
Nacht" — wenn man sich paradox ausdrücken
darf — das Wichtigste am Tage ist. Novalis'
„Hymnen an die Nacht" sind die tiefste dichterische
Verklärung jener Nachtbegeisterung.
Und diese Vorliebe greift über auf die psychische
Seite: auf die Dämmerzustände jeder
Art, auf Traum, Hellsehen, Wahnsinn usw. Es
sei nur erinnert an G. H. von Schuberts „Ansichten
von der Nachtseite der Naturwissenschaft
(1808), Symbolik des Traums (1814) —
wie der Traum für die spätere Romantik das
Ideal geworden ist, — an Justinus Kerner usw.
So finden wir denn auch bei Carstens das Traumorakel
des Amphiaraos (1795), Achilles, dem
der Geist des Patroklos erscheint. Damit hängt
dann weiter eine Vorliebe für Grauenhaftes zusammen
, die in der romantischen Literatur vielfachen
Ausdruck findet.
Und auch all diesem Stofflichen ist Carstens
nicht ganz aus dem Wege gegangen. Einiges
von Schrecklichem in seinen Darstellungen wurde
bereits erwähnt. Dahin gehört aber auch der
in Schwermut versunkene Ajas, Oedipus, der
seine blutschänderische Ehe mit Jokaste entdeckt
, Oedipus und die Furien. Auch die Geistererscheinungen
sind hier zu nennen, so Odysseus,
der vor der Grube voll Opferblutes die Schatten
der abgeschiedenen Seelen beschwört und sodann
mehrere der erwähnten nordischen Stoffe.
Ganz auffallend ist die Rolle, die die Musik
in Carstens' Werken spielt, die Musik, die die
Lieblingskunst der Romantik ist, der in ihren
Schöpfungen eine so überaus bedeutsame Rolle
zugeteilt ist.
Schon in Carstens' Lübecker Zeit treten
musikalische Themen auf. Ossian und Alpin
zur Harfe singend, dann die Musik, der Zeit,
den vier Lebensaltern, zum Tanze aufspielend
u. a. m. Dann weiter in seiner Berliner Zeit
(um 1790), wo er in einem Zimmer des Kgl.
Schlosses unter anderem Orpheus mit der Leier
vor Pluto und Proserpina und endlich den
Parnaß mit dem leierspielenden Apoll und den
Musen malt. Den Höhepunkt bildet auch in
dieser Beziehung der Zyklus des Argonautenzuges
, wo Orpheus mit seiner Lyra vielfach
erscheint, zum Stapellauf spielt, mit Chiron
einen Wettgesang aufführt, bei dem Tanz zum
Opfer auf dem Dindymos sich hören läßt usw.
In diesem Zusammenhang ist es auch nicht
gleichgültig, daß die Parzen bei ihm nicht
spinnen, sondern singen. Und nicht zufällig,
daß die Sage von Arion in seinem Werk erscheint
, die sowohl von Tieck wie von Wilhelm
Schlegel in poetischer Form behandelt ist, auch
bei Novalis ihre Rolle spielt, wo sie Heinrich
von Ofterdingen erzählt wird.
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