Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 210
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0254
zu sehen und zu bewundern*). Besonders gefiel
die dasige St. Sebalduskirche, die sowohl
in Hinsicht des altdeutschen Kirchenstils als
auch wegen der Gemälde und der Skulpturen
aus jener Zeit ein merkwürdiges Kunstdenkmal
ist." Auch in Augsburg halten sich die Künstler
einige Tage „wegen der dortigen Kunstwerke"
auf, und von Zürich aus macht Carstens mit
dem dritten Reisegenossen einen Abstecher
nach Basel, „um daselbst die Gemälde des berühmten
Holbein zu betrachten". All das vollzieht
sich schon 1791, als Wackenroder (noch
1792) eine positive Beziehung zur altdeutschen
Kunst und Vorzeit nicht gewonnen hat, während
freilich Herder schon 1788 sich für Nürnberg
begeistert, wenn auch nur in einem Privatbrief
**). Als dann freilich Wackenroders Her-
zensergießungen erscheinen (1797), machen sie
Sensation unter den deutschen Künstlern in
Deutschland und Rom.

Carstens' Äußerungen fallen aber noch vor
Wackenroder; sie fallen aber auch noch vor
Tieck, der in seinem Sternbald (1798) Dürer
neben Michelangelo und Raffael als Ebenbürtigen
nennt, aber doch mehr die „treue, handwerksmäßige
Emsigkeit" in den Vordergrund
rückt als eine große Künstlerschaft. Erst die
Romantik, und zwar auch ihre besonnenen
Wortführer, nicht nur die turbulenten Schwarmgeister
, brachten Dürer zu der vollen Anerkennung
, die Carstens für ihn bereits gehabt hatte.

Ist Carstens nach dem Inhalt seiner Schöpfungen
und in seiner Stellung zur älteren Kunst
durch nicht wenige Fäden mit dem Sturm und
Drang verbunden, so gilt Ähnliches von seinen
theoretischen Grundüberzeugungen.Für Carstens
wie für den Sturm und Drang, aber auch für
den romantischen Künstler ist die Empfindung,
das innere Feuer, die Begeisterung das eigentlich
Ausschlaggebende, und es ist ein allerärgstes
Mißverstehen, wenn es in einer der neuesten
Darstellungen heißt: „er blickte durch eine
philologische Brille als Schüler eines Gelehrten
in die Welt der Antike hinein", oder: „er
stellte in nüchterner Verstandesarbeit antike
Formfragmente nebeneinander". Hier liegt gerade
das Unterscheidende gegen die vorausgegangene
Epoche; schon in der Emilia Galotti
bereitet sich der Umschwung vor: „Sinn, Begeisterung
und Trieb, diese drei Dinge machen
den Maler", und für Carstens ist „die Kunst
eine Sprache der Empfindung, die da anhebt,
wo der Ausdruck mit Worten aufhört". Mochte

*) Friedrich Weinbrenner, Denkwürdigkeiten aus seinem
Leben, von ihm selbst geschrieben; herausgegeben von K. K.
Eberlein. Potsdam 1920. S. 66.

**) Alfr. Kuhn, Die Faustillustrationen des Peter Cornelius
in ihrer Beziehung zur deutschen Nationalbewegung der Romantik
, Berlin 1916, S. 19, 21 ff.

nun auch diese Erkenntnis bei ihm nicht völlig
neu sein — er ist der erste deutsche Künstler
jener Zeit, der sie durch sein Leben besiegelt.
Und ihm folgen die Romantiker, wenn auch
vielfach ins Religiöse umbiegend. „Herz, Seele,
Empfindung!" heißt die Forderung bei Overbeck
, bei dem „nur das unterbrochene Herzensgebet
die Begeisterung festhält". Sehr durchdrungen
war Carstens von der Wichtigkeit der
Wahl des Stoffes; „die Wahl des Inhalts und
die Poesie der Erfindung sei die Hauptsache".
Es ist dies nicht nur die Anschauung der
Klassizisten, für die sich Goethe so stark einsetzt
, sondern auch noch die der Romantiker,
denen die Bibel und die Nibelungen, Dante,
Ariost und der Faust den bedeutungsvollen
Inhalt geben.

Carstens' ganzes Leben ist ein Kampf gegen
eine sich im äußerlichen erschöpfende Kunstbetätigung
, wie sie damals Mode war, und wenn
er uns hier einigermaßen das Kind mit dem
Bade auszuschütten scheint, so tut es doch gut,
wenn wir uns ein recht deutliches Bild von
der kümmerlichen, mechanischen, rein auf das
Technische ausgehenden Art des damaligen
Kunstbetriebes machen. Die Pflanzstätten dieses
mechanischen Geistes waren die Akademien, und
deswegen die erbitterte Feindschaft Carstens' gegen
sie; hierin ist er geradezu auch ein Vorläufer
der Romantiker. Er ist der erste, der ostentativ
und grundsätzlich mit ihnen bricht; so
gut wie Overbeck und seine Genossen später.
Ja, was bei Carstens zunächst mit durch die
Lebensumstände bedingt war, entwickelt sich
bei dem jugendlichen Overbeck zu dem allerdings
sehr gefährlichen Grundsatz: Der Dichter
wird nicht systematisch gebildet, ebenso ist es
mit dem Maler.

In der Art des Studiums sind die Romantiker
indessen doch andere Wege gegangen.
Wenn Carstens nie mehr einen Gegenstand
nachzeichnete — sonst erkalte das Gefühl —
sondern dies durch eine eingehende Betrachtung
zu ersetzen suchte, so pflegen die Naza-
rener doch eingehenderes Naturstudium. Immerhin
klingt Overbecks Äußerung an Carstenssche
Anschauung an: Modelle sind zulässig, aber ungenügend
; und wenn er empfiehlt, Modellstudien
zu treiben, die Ausführung aber aus dem Gedächtnis
zu machen, damit man nicht zu
naturalistisch werde. — Ähnlich verfuhren ja,
wenn auch auf dem Grunde eines ganz andern
Naturstudiums, andere, größere Künstler des
19. Jahrhunderts. Es sind hier Gegensätze am
Werke, die niemals dauernd verschwinden
werden, so lange es Kunst geben wird.

Das was Carstens und die Romantiker tiefer
miteinander verbindet, ist letzten Endes die

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