Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 211
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ganze Anschauung von der Würde der Kunst.
In ihm lebt ein überaus hoher Begriff von dem
einzigartigen Wert der Kunst, und in einem
entsagungsreichen kurzen Leben bewährt er
diese Anschauung in aufreibendem Kampfe mit
einer stumpferen Welt*). Schon früh prägt sich
diese Anschauung in ihm aus; er geht nicht
nach Cassel zu dem Akademiedirektor F. H. Tischbein
, weil er nicht hinten auf der Kutsche
seines Herrn und Meisters bei dessen Ausfahrten
als Lakai stehen will.

So bekommt der starre Klassizist bei näherem
Zusehen doch sehr viel weichere Züge; nicht
nur in seiner Kunst, auch in Grundempfindungen
und Grundanschauungen ist Carstens der Romantik
verwandt. Vieles ist freilich nur keimhaft
vorhanden und nicht entwickelt, besonders wenn
man an die spätere Romantik denkt. Das religiöse
Element fällt bei ihm fast völlig weg;
das nationale ist aber in Anfängen doch schon
bei ihm vorhanden, wenn auch wohl nur in
der Beziehung zu der großen Persönlichkeit
Friedrichs IL, und auch das Gefühl für die
Natur und für die Landschaft, die später für
die Romantik eine solche große Rolle spielt,
fehlt nicht ganz.

In seiner letzten, nicht vollendeten Komposition
des „goldenen Zeitalters" ist von ihm,

*) Vgl. K. Simon, Gottlieb Schick. Ein Beitrag zur Geschichte
der deutschen Malerei um 1800, Leipzig 1914, S. 177.

dem die Schweiz einen „unauslöschlichen Eindruck
" gemacht hatte, der Landschaft ein so
großer Raum eingeräumt, wie sonst nirgends
vorher, und sie ist mit unendlich viel Liebe behandelt
. Auch das Thema ist nicht bedeutungslos
für Carstens' Stellung zur Romantik. Nach
dem goldenen Zeitalter ringt nicht nur der
sentimentalische, d. h. von der Sehnsucht nach
der Natur erfüllte Mensch des 18. Jahrhunderts,
sondern auch der romantische, sehnsuchterfüllte
Vernunftmensch. — Und gerade um das Todesjahr
Carstens', in dem er sich mit dem Thema
des goldenen Zeitalters beschäftigt, entscheidet
sich des Hauptwortführers der Romantik, Friedrich
Schlegels Stellung zu den Alten und zu
den Neueren: 1798 erscheint sein groß gedachtes
Fragment seiner „Geschichte der Poesie der
Griechen und Römer". 179g gibt dann Schleiermacher
seine Reden über die Religion heraus.
Carstens stirbt an einem Wendepunkt deutschen
Geisteslebens; wie seine Entwicklung weiter
erfolgt wäre, wenn er länger gelebt hätte, erscheint
fast als eine müßige Frage.

Es mag hier genügen zu zeigen, daß romantische
Keime auch in seiner Kunst verborgen
liegen; auch sie entsendet Wurzeln, die von
Zeitgenössischem gespeist werden, und mit
daraus erklärt es sich, daß mehr als eine Generation
in ihrem Schatten Erquickung und
Ansporn gefunden hat.

J.A.CARSTENS ZEICHNUNG

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