http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0259
Kolbe, ursprünglich Maler, in München unter
jenem Ungarn Hollosy arbeitend, dessen Lehrtätigkeit
nachzugehen eine reizvolle Aufgabe
sein dürfte, hat sich, als dann der Plastiker
in ihm zum Durchbruch kam, mit den beiden
hier für die deutsche Entwicklung bestimmenden
Gegenpolen, mit Hildebrand und Rodin, früh
auseinandergesetzt. Hildebrands oder letzten
Endes Marees heilsame Reaktion gegen die
Hohlheit und formale Gesinnungslosigkeit des
Neubarocks vermittelte ihm in Rom, unterstützt
durch das lebendige Zeugnis der Antike, eine
Lehrzeit bei Tuaillon. Dabei sind die Gefahren
der Hildebrandschen Theorie, die Erstarrung
in einem blutlosen Klassizismus für Kolbe,
auch in der Folge, nie in Erscheinung getreten.
Aber erst, als er in Paris die Impressionisten
und Rodin sah, fühlte er festen Boden unter
den Füßen.
Die Kunst Rodins war es, die ihn die eigene
Stimme finden ließ. Jetzt wurde in ihm der
Meister der Bewegung frei, der menschliche
Körper sich drehen, geschmeidig sich bücken
und kauern ließ. Nun geht er der Bewegung
der Oberfläche mit malerischer Sinnlichkeit
nach. Es liegt etwas frühlingshaft-jauchzendes
über diesen frühen Arbeiten. Man spürt seine
Freude, gestalten zu können, wie es ihm innerste
Natur ist. Aus dieser Zeit stammen die Statuetten
eines Jünglings und eines jungen Weibes. Sehr
bewegt die Körper, sehr malerisch die Behandlung
der Oberfläche, voll verhaltener Kraft und
eines dumpfen undstarken,dem des„Age d'airain"
vergleichbaren Lebensgefühles.
Neben Dingen, die vielleicht etwas sorglos
sich dem Genüsse an der Bewegung und
Komplizierung der Formen hingeben, wie etwa
dem „Scherzo", in dem die Körper eines Knaben
und eines Mädchens sich ringend durchflechten,
so daß die Gruppe an irgend ein bizarres Gerät
gemahnt, neben Figuren von quellender Sinnlichkeit
und feiner Erotik, tauchen schon früh
hier und da prinzipiell anders orientierte
Schöpfungen auf. So zeigt der Frauenkopf
von 1903 (Frau M. v. d. M.) eine überindividuelle
Vereinfachung der Form. Die an sich keineswegs
monumentalen Züge sind zu tragischer Größe
erhoben. Dieses Streben nach Vereinfachung
legt einem mühelosen Können, einer spielend
schaffenden Phantasie immer wieder heilsame
Zügel an.
In der hockenden Japanerin von 1911 durch-
GEORG KOLBE
.GROSSE LIEGENDE" (BRONZE, ÜBERLEBENSGROSS)
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