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PIETER BRUEGEL D. Ä.
Wien, Gemäldegalerie
BAUERNHOCHZEIT
der geschickten Leitung eines geschäftstüchtigen
Verlegers, des Hieronymus Cock, außer Bruegel
noch andere Künstler wie Jan Mandyn und Alart
du Hameel widmeten. Und Bruegels Gemälden
im Stile des Hieronymus van Aken fehlt so
völlig das Zwingende, Packende seines Vorbildes.
Wie zahm ist die Erfindung auf der Brüsseler
„Schmetterlingsschlacht", dem Sturz der rebellischen
Engel. Wiesehr diekünstlerischenZielebei
Bosch und bei Bruegel auseinandergingen, wird
dann am klarsten erkannt, wenn beide das gleiche
Thema behandeln. Ein beliebter Vorwurf durch
die gesamte holländische Kunst des 16. und
17. Jahrhunderts war das ,,Stein- oder Narrenschneiden
". Bosch in seinem Madrider Bilde gibt
den Vorwurf leicht in das Phantastische-Unweltliche
gezogen; Bruegel in einem Bilde der
ehemaligenSammlungGerhardt läßt dieOperation
gleich an einer ganzen Reihe von Narren vollziehen
, des allegorischen Sinnes, den der Vorgang
bei Bosch hat, ist er hier völlig entkleidet und
realistischmit einer derben Dosis Spott durchsetzt.
Und auch der gewaltige „Triumph des Todes" in
Madrid ist trotz seiner ans Herz greifenden Wirkung
viel mehr eine Addition realistischer Einzelheiten
als ein spukhaftes Phantasiestück.
Wichtig zu registrieren ist ein negatives Moment
, das Fehlen eines Faktors, der Bruegel oft
genug in den Weg trat. Die Nachahmung der
italienischen Kunst, die damals in den Niederlanden
eine so große Rolle spielte, blieb seinem
Schaffen fern. Und es ist dies um so höher
anzuschlagen, als es an Versuchungen für Bruegel
wahrlich nicht fehlte. Sein erster Lehrer und
späterer Schwiegervater, Pieter Coeck van Aelst,
war ein Hauptführer der romanistischen Richtung
; sein Verleger Hieronymus Cock vertrieb
außer den Stichen nach Bosch und ihm auch solche
nach Raffaels Werken. Bruegel selbst aber war in
dem gelobten Lande der Maler gewesen; mehrere
seinerStiche und Zeichnungen tragen dieBezeich-
nung: Romae 1553. Und trotzdem nehmen sich
seine Werke wie ein Protest gegen die gesamte
damalige Ästhetik der schönen italienisierenden
Linie, der Nachahmung Raffaels und Michelangelos
aus. Ein fleißiges Studium der Landschaft,
namentlich der alpinen, ist die einzige Frucht
dieser Reise gewesen, die ihn vielmehr im Beharren
auf seinem eigenen Stile, der sich recht als ein
nationaler uns weist, ermunterte und ermutigte.
Welches sind nun die Elemente seiner Bildgestaltung
gewesen, die ihn vorzüglich über die
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