Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 240
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PIETER BRUEGEL D. Ä.

SÜDFRANZÖSISCHE ANSICHT (FEDERZEICHNUNG)

Leistungen von Vorgängern und Mitlebenden
hinausheben ? Als wichtigster Faktor erschien mir
immer das, was als Regie der Massen zu bezeichnen
wäre. Die Kreuztragung in Wien, das überhaupt
die meisten und schönsten seiner Bilder
besitzt, mag auseinandersetzen, was damit gern eint
ist. Bisher war der Vorgang so dargestellt worden,
daß im Mittelpunkte das Thema, Christus mit dem
Kreuze, in großen Figuren dargestellt war, und
hinter- und übereinander dann die Körper und
Köpfe der begleitenden Menge sichtbar wurden.
Bruegel läßt den Raum sich weit in die Tiefe erstrecken
und belebt ihn mit einer Unmenge von
kleinen Figürchen. Die früher so beliebten Überschneidungen
sind ziemlich unterdrückt, denn
Bruegelist jedeFigur gleich wichtig; er durchsetzt
nämlich — und das ist gleichfalls ein Novum — die
Bildflächemit einer großen Anzahl genrehaf terEr-
zählungen, die den eigentlichen Inhalt der Tafel,
die Kreuztragung, fast völlig überwuchern und
zum gleichwertigen Motiv herabdrücken. Im Mittelgrunde
, ziemlich zentral im Bilde sitzend, entdeckt
man das eigentliche Hauptmotiv, das nun
aber gar keine besondere Anteilnahme mehr zu erwecken
vermag, da jene andern sittenbildlichen
Züge, wie sieder Künstler bei jeder Hinrichtung—
und deren waren damals in denNiederlanden nicht
allzu selten — beobachten konnte, in der Frische
und Lebendigkeit der Wiedergabe mindestens
gleichwertig sind. Die einzige Konzession an das
religiöse Bild früherer Art ist die im Vordergrunde
rechts aufgebaute Gruppe der trauernden Frauen.

Die besondere Art der Einkleidung in ein
zeitgenössisches Gewand bleibt ein Kennzeichen
der meisten Bilder des Künstlers. Der Bethlehe-
mitische Kindermord — eine Reiterschar Herzog
Albas ist in ein flämisches Dorf eingedrungen
und vollführt dort ihr grausiges Handwerk;
ebenso gibt ihm die Volkszählung in Bethlehem
Gelegenheit, das winterliche Leben und Treiben
in einem kleinen flämischen Städtchen zu schildern
. Diese beiden Bilder sind als Schneelandschaften
gedacht und auch durchgeführt; für
diese scheint Bruegel eine besondere Vorliebe
gehabt zu haben, denn sie kehrt nochmals wieder
in der berühmten Folge von Monatsbildern, von
denen leider nur noch fünf erhalten sind.

Die Einführung der reinen Landschaft, ohne
religiöse oder historische Staffage, in das Gebiet
der Tafelmalerei darf als weitere Großtat des
Künstlers gefeiert werden. Er gibt zuerst ausgeprägte
Stimmungsbilder, „Impressionen" könnte
man wohl sagen. Düster und grau spannt sich
im „Januar" der Himmel über eine Landschaft,
wie sie am Bodensee öfter zu finden ist. Der
Blick ist von oben ins Tal herunter genommen
auf die Häuser eines kleinen Dorfes; weit wird
dann der Blick durch einen rauschenden Fluß
in die Tiefe des Bildes geführt mit einem großen
SeeundschneebedecktenBergenimHintergrunde.
Ähnlich ist die Anlage bei dem Februar, im
Vordergrunde oben kehren Jäger mit ihren Hunden
in das verschneite Dorf unten im Tale zurück.
Wunderschön ist hier der Rhythmus der dunklen

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