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BERNHARD BUTTERSACK
AUFZIEHENDES GEWITTER. POLLING
einen Kehrichthaufen sieht, erblickt der andere
wunderbare Farbenkontraste." Es gibt eine
Landschaft Buttersacks aus dem Jahr 1885, auf
die diese Worte aufs genaueste passen: Man
sieht in flaches Land hinein, weit über Felder
oder Weiden und über ein paar geduckte Hütten
weg, im Vordergrund ist ein morastiger Weg,
eine Pfütze — ein ganz kahles, dem Spiel der
Winde preisgegebenes Baumstämmchen gibt
in dieser Welt der Horizontalen, der breiten
Lagerungen die notwendige Vertikale. Der
Himmel steht hoch und trüb über der Landschaft
. Das Bild ist, trotz der Ärmlichkeit des
Themas, voll Stimmung: daß dem so ist, ist
Werk und Verdienst des Malers, der die von
Stauffer gerühmten „wunderbaren Farbenkontraste
" in dem Motiv sah und erkannte und
sie zu stimmungsvoller Wirkung emporbaute.
Es wäre indessen falsch, zu glauben, Buttersacks
ganze Freude gehöre diesen Motiven, die
einzig Träger von Farbwerten und malerischen
Möglichkeiten sind, alles aber, was „schön" an
sich ist, schön schon im Vorwurf und im Modell,
interessiere ihn nicht, weil es ihm die Gelegenheit
nimmt, selbst Schöpf er ästhetischer Werte durch
das Mittel seiner Malerei zu sein. Man braucht
nur auf die Bilder Buttersacks hinzuweisen,
bei denen den Vordergrund eine blumenreiche
Wiese beherrscht, um das Gegenteil zu erkennen.
Mit welcher Freudigkeit ist Buttersack an die Ab-
schilderung dieser Kleinwelt von Blumen, Gras
und Kräutern gegangen! Buttersacks Meisterschaft
, blühende Wiesen zu malen, muß man
stets aufs neue bewundern: das ist eine Art
von Botanisieren mit dem Pinsel — ein Künstler,
dessen schönste Leistungen im Zeitalter des
Impressionismus, der großen Eindruckskunst,
entstanden, botanisiert hier — nicht ein Wissenschaftler
, auch nicht ein Fein- und Kleinmaler,
der sich an Altdorf ers spitzpinseligen botanischen
Delikatessen oder an Albrecht Dürers „Großem
Grasstück" bildete. Buttersack faßt den Eindruck
fest zusammen, konzentriert, verdichtet ihn
und gibt in prägnantester Formel die Synthese
der Blumenwiese, aber es ist, als hätte er ihren
Duft und all ihre selige Sommerherrlichkeit
mitgemalt. Über diesen Vordergrund baut sich,
fast ohne den Übergang des Mittelgrundes, der
Hintergrund auf, und die meisterhafte Behandlung
der atmosphärischen Elemente faßt die
Bildglieder so energisch zusammen, daß nicht
etwa nur ein Vordergrundsbild im Sinne der
malerischen morceaux, der weit getriebenen
Studien, bestehen bleibt, sondern ein echtes,
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