http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0312
J. VON BARY-DOUSSIN
jünger mit jahrelangem Akademiestudium. Vor
allem wußte sie sich genaue Kenntnis der Anatomie
durch fleißigstes theoretisches und praktisches
Studium an Mensch und Tier zu verschaffen
. Was der Künstlerin aber vor jedem
anderen Faktor, als sie sich in der Kunststadt
Dresden, an vorzüglichen Beispielen geschult,
weiter durchgebildet hatte, die Kraft und den
Schwung verlieh, ihr reiches künstlerisch hochbegabtes
Inneres so glänzend zu verausgaben,
das war noch ein anderes, was ihr ein günstiges
Schicksal hier bot: das Sich-Zusammenfinden
mit einem Künstler, dessen Adlerschwung seines
Genius höchsten und idealsten Regionen zuflog,
die geistig und seelisch so eng verknüpfende Ehe
KAMMERSÄNGER ALFRED VON BARY
mit dem hervorragenden Sänger Alfred von Bary.
Da fanden sich zwei Künstlernaturen, deren
Genius — bei beiden, bei aller Schlichtheit der Gesinnung
, ja gerade deswegen, — nur auf den höchsten
Höhen feinster Lebenskultur sich wohl
fühlte, nur dort sich bewähren konnte. Wohl
scheinen Musik und Plastik, rein äußerlich betrachtet
, extreme Pole im Kunstschaffen. Aber
dieser Schein täuscht. Die Beziehungen zwischen
der immateriellsten, beweglichsten und der an der
Materie gebundensten, „starrsten" aller Künste
sind außerordentlich eng. Die Rhythmik spielt
bei beiden Künsten eine größte Rolle. Wenn
Schopenhauer und Goethe die Architektur als
„gefrorene Musik" einschätzen, so darf dasselbe
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