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J. VON BARY-
DOUSSIN
KNABENBÜSTE
mindestens mit gleichem Recht von der Plastik
behauptet werden. Der große Michelangeloforscher
Karl Justi sagt einmal von der allegorischen
Figur der „Nacht" am Grabmal Giu-
lianos von Medici: „Eine ganze Symphonie von
Beethoven liegt in dieser Statue."
Sicherlich ist es mehr als Zufall, daß, ganz abgesehen
von den zahlreichen Wiedergaben ihres
Gemahls, der Künstlerin Meißel mit so großer
Vorliebe Musiker festhielt. Kommt in der Porträtbüste
des Dresdener Generalmusikdirektors
Ernst Schuch das Verträumte und innerlich Erlebte
einer musikalisch-sensitiven Durchdringung
meisterlich zum Ausdruck, so ist in der Büste
des Münchener Generalmusikdirektors Bruno
Walter der Augenblick fixiert, in dem der Meister
des Dirigierens Solisten, Chor und Orchester unfehlbar
an seinen Taktstock bannt. Eine neueste
Büste unserer Bildhauerin, die hauptsächlich
musikalisch gewürdigt sein will, ist ihr „Franziskus
", gedacht, wie der „Seraph von Assisi" im
Walde dem Gesang der Vöglein lauscht und so zu
seinem Sonnenhymnus inspiriert wird. — Jenny
von Bary ist ein lebendiges Muster dafür, wie
hoch die Einwirkungen eines kunstbegeisterten
Genius auf einen anderen zu werten sind. Rein
äußerlich das Problem erfassend, erscheint uns
da doch schon folgendes hoch bemerkenswert:
Gerade in den zahlreichen Wiedergaben Alfred
von Barys durch die Gemahlin, seiner ausdrucksvollen
Züge, seines hünenhaften Wuchses, sei es
als Porträt, sei es unter mythologischem Deckmantel
, etwa als himmelanstürmender Prometheus
, gerade in den vielen, im Laufe einer Reihe
von Jahren entstandenen plastischen Darstellungen
des Mannes, der so großen, begeisternden
Einfluß auf das Schaffen der Künstlerin gewann
, können wir die stete Fortentwicklung,
die ständige Vervollkommnung unserer Meisterin
am augenscheinlichsten feststellen.
Zwei Eigenschaften sind es vorzüglich, die sich
in Jenny von Barys Kunst die Hände reichen
und sie völlig durchdringen: kraftvolle Monumentalität
und musikalisches Empfinden. Und
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