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J. VON BARY-DOUSSIN
KÜHE
diese Monumentalität ist ohne hohlen Pathos
und diese plastische Musik ohne Rührseligkeit.
Für solche Monumentalität und Musik sind
Grabmäler das gegebene Thema. Darum fesselte
die Künstlerin das Problem des Grabmals immer
wieder. Darum löst sie aber auch solche Aufgaben
so überraschend gut. Die größte Komposition
solcher Art, das monumentale Relief:
„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und
beladen seid, ich will euch erquicken!" — rechts
und links vom Heiland, der unter dem Kreuze
steht, nahen sich in großen Scharen die Trostbedürftigen
— ist für die Mauer einer Friedhofshalle
, auch einer Kirche gedacht. Welche
Monumentalität im ganzen und welche Feinheit
des Empfindens im einzelnen! Ein Werk von
antikem Formenadel, von klassischer Ruhe und
Hoheit. „Edle Einfalt, stille Größe." Dabei die
Monumentalität und Ruhe durchdrungen von
einem lyrischen Unterton. Mit Albert Bartholome
^ berühmtem „Monument der Toten" auf
dem Pere la Chaise-Friedhof in Paris nimmt
dieses Relief es an eindringlicher Wirkung auf.
Die Grundstimmung und die Eigenschaften des
Reliefs „Kommet her zu mir . ." scheinen ebenso
in den zahlreichen Einzelgrabmälern der Künstlerin
festgehalten. Auf alle ihre vielen Grabdenkmäler
hat Bezug, was Walzel von unserer Bildhauerin
sagte: „Die Herbheit der Dur-Töne ihres
Wesens verschmilzt harmonisch mit der Moll-
Tonart feinfühliger Frauenhaftigkeit." Nur in
wenigen Denkmälern, wie in dem „Seid getrost!"
überwiegt das Moll. Wohl aber tritt in den zahlreichen
Monumenten, welche der moderne Weltkrieg
der Künstlerin zuführte, die Dur-Tonart
stark hervor, so in den Grabmälern der für das Vaterland
gefallenen Prinzen Leopold von Preußen
und Fürstenberg. — Die Folgerung ist nicht
schwer zu ziehen, daß bei solcher Veranlagung
Jenny von Barys: Ausgeprägter Sinn für Monumentalität
und musikalisches Empfinden, über die
Grabmalkunst hinaus die religiöse Kunst im allgemeinen
in ihr eine sehr geeignete Vertreterin
hat. Ihre „Pietä" gehört zu den kompositionell
interessantesten und gefühlswärmsten Lösungen,
welche das Jahrhunderte alte Problem der Darstellung
des toten Heilands auf dem Schöße der
Mater dolorosa in neuerer Zeit gefunden hat. Das
Relief des göttlichen Erlösers als Trösters der Betrübten
, wie Jesus eine trostbedürftige, ihm ergebene
Seele in Gestalt einer jungen Frau an sich
zieht, ihr Haupt und Hände liebevoll umfaßt, ist
ebenfalls von tiefster religiöser Inbrunst beseelt.
Der musikalische Einschlag in Jenny von
Barys Plastik ist in ihren profanen Schöpfungen
ebenfalls unverkennbar. Außerordentlich sinnfällig
tritt derselbe in den „Rheintöchtern" zutage
. Wie die vordere Rheintochter den goldenen
Reif vor sich hält und die nachstrebende
jüngere Schwester danach greift, das ist von
einer solchen Rhythmik der Körper, deren Glieder
und aller Bewegungen derselben begleitet, daß
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