Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 293
(PDF, 78 MB)
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CARL ANTON REICHEL

förmlich geladen mit Energien, voll von starkem
explodierendem Ausdruck, fast farbig wirkend
in der Einfarbigkeit, die Figuren in herausfordernder
Plastik, andere wieder ganz ins
Lineare verflüchtigt, wo nur der einstimmige
Gesang der Linie gehört werden will, wo der
Künstler mit genießerischer Freude der Schmiegsamkeit
der Umrisse nachgeht — Blätter, die
die absolute Zeichnung geben, die nur die große
stille Musik der Kurve suchen, Kaltnadelzeichnungen
, auf denen der Körper wie ein dünner
Zweig herabgewehter, halberblühter Glycinien
liegt, wie in dem großen Blatt — opus 91 —
dazwischen auch einmal Platten, bei denen das
Temperament stärker ist als die nachfolgende
Hand, die nur zitternd gehorcht. Es wird nicht
ganz leicht sein, den Künstler hier in die Reihe
der Graphiker der Gegenwart einzufügen. Er
ist ein großer Bewunderer von Charles Meryon
und von Zorn, wohlgemerkt dem frühen Zorn:
der späte ist ihm mitunter allzu geschickt, zu
sehr Handschrift. In der österreichischen Schule

HALBAKT (RADIERUNG)

steht er ganz isoliert, gar nichts hat er mit den
Wienern und mit Ferdinand Schmutzer zu tun,
dessen führende Rolle auch erst von 1908 an
datiert, er ist viel mehr Europäer als Österreicher
.

Ganz magistral finde ich ein paar der
Zeichnungen, die eine momentane Bewegung
mit impressionistischer Verve, aber die ganze
Wirkung in die Linie gebannt, festhalten, diese
Linie dann verstärkt mit bedeutsamen Druckern
gleichsam eingegraben zur Geltung bringen,
etwa das Blatt „Nina", in der gelösten Lässigkeit
des zurückgelehnt Sitzens, im Halbschlaf,
mit geschlossenen Augen, mit der einen gleichsam
stehengebliebenen Hand noch sprechend.
Jenes obengenannte Blatt opus gi zeigt das
süße Geschöpf auf das Lager hingeworfen in
dem zärtlichen Reiz des feinen Körperchens
schlummernd, ganz dünn wie in einer ersten
Skizze — aber die Vision erschöpfend wiedergebend
. Man fühlt sich bei manchen Blättern
an den wienerisch-pariserischen Armenier Edgar

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