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hinzugelernt. Entzückende sehr weiche und
sehr delikate Akte, mit höchster Sicherheit
gezeichnet, die letzten mit verblüffend einfachen
Mitteln gegeben, wechseln mit skizzenhaften
Bewegungsstudien und mit großen Köpfen und
Halbfiguren, die wieder den Anlaß boten, die
plastische Erscheinung bis zur höchsten Wirkung
zu steigern und durchzuarbeiten. Eine
Reihe von Frauenbildnissen ist darunter, von
einer sehr vornehmen und sehr besonderen
Schönheit, bedeutende Männerköpfe in einer
ganz plastisch wirkenden Modellierung wie die
Porträts des Kronprinzen Rupprecht und des
Generalstabschefs von Moltke. Damit geht
parallel eine Verstärkung der graphischen Mittel
. Nach Kielfederart derb gezeichnet stehen
die Figuren, oft wie hingestürmt, auf der Fläche,
nur mit wenigen Druckern modelliert. An Stelle
der hochglanzpolierten Kupferplatten werden
jetzt mit Vorliebe Zinkplatten verwendet, die mit
dem Polierstahl geglättet oder gestrichelt werden
, in die dann die harte, kalte Nadel sich
fast grausam wollüstig eingräbt. Nur eine ganz
geringe Zahl von Abdrücken höchster Qualität
verstattet diese Technik, jeder Abzug wird
hier zu einer Kostbarkeit für sich. Auch in
der Ausbildung der Mittel scheint mir der
Künstler heute auf seiner Höhe angekommen
zu sein.
Hinter diesen Schöpfungen des hellen Tages
steht, in den letzten Jahreswellen wieder stärker
und gebietender wachsend, die Welt des Geheimnisvollen
. War es ein Bekenntnis, eine
Hoffnung oder eine Selbstüberhebung, wenn
Reichel über jenen kleinen Deutungsversuch
von magischen Problemen das Wort des Augustinus
setzte: „Ich werde mich also auch noch
über diese Kraft meiner Natur erheben, werde
kommen zu den Gefilden und weiten Palästen
meines Gedächtnisses —" ?
Und ich möchte an den Schluß den Passus
aus diesem Selbstbild stellen: „Seid ihnen
nicht böse,denen ein größerer Ausschnitt ausdem
Psychischen benützbar gegeben ist und die um
die Hermeneutik der Bilder und der Sprache
wissen. Es ist geschrieben: Wer es fassen
kann, der fasse es; denen aber, die draußen
sind, widerfährt alles in Gleichnissen."
EISENBILDGIESSEREIEN DER EISENWERKE LAUCHHAMMER
Das Eisenwerk Lauchhammer
(Provinz
Sachsen), dessen Bronzebildgießerei
sich eines
hohen Rufes erfreut, hat
neuerdings auch den Eisenkunstguß
aufgenommen
. Damit knüpft das
Werk an ehrwürdige Traditionen
an, denn hier in
Lauchhammer war die
Wiegenstätte des Eisenfeingusses
plastischer
Kunstschöpfungen im
späteren 18. Jahrhundert.
Lauchhammer behauptete
einen hervorragenden
Rang unter den in
der ersten Hälfte des ig.
Jahrhunderts blühenden
deutschen Eisenbildgießereien
. Die Freunde der
plastischen und der Gaßkunst
werden mit Interesse
die gußeiserne Weihnachtsplakette
1921 begrüßen
, die als eine der
ersten Proben der wiedererstandenen
Kunstzweige
vonLauchhammer herausgegeben
wurde. Sie ist
nach einem Modell Maximilian
Dasios gegossen
und stellt dar: einen Arbeiter
und eine Mäherin
von Merkur geführt; über
den rüstig Vor wärtsschrei-
tenden der deutsche Adler
schwebend. H. S.
M. DASIO
WEIHNACHTSPLAKETTE
Wie kommt es, daß der
Mensch nur für das Wesen
der Farbwirkungen keine eigenen
, diesem großen Reich
unserer Eindrücke eigentümlich
entwachsenen Wortbegriffe
geprägt hat. „Warm",
„leuchtend", „stumpf"', „gebrochen
", „schwer", „heiter",
„hell", „laut", — alle diese
Bezeichnungen sind nichts als
rohe Vergleiche mit anderen
Sinnesempfindungen.
Es zeigt, daß hier ein Reich
ist, dessen Wesen wir erst zu
ahnen beginnen.
F.Schumacher
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