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alterliche Stimmung erzeugen. In der Tat war
manches Interieur in diesem Zwielicht recht
malerisch und dem Charakter seiner Zeit nicht
unähnlich, aber die ausgestellten Kunstwerke
selbst, die Gegenstände, die der kundige Besucher
sehen und genießen wollte, verschwanden
in dieser für sie unheilvollen Beleuchtung.
Stimmung hier, Stimmung dort, Stimmung
überall!
Heute ist es anders. Sollte wirklich heute
ein Besucher des Museums aus alter Gewohnheit
die Kartäusergasse hinaufwandern, um
dort die idyllische Klosterpforte zu suchen,
so würde er an der endgültig geschlossenen
Türe nichts als ein amtliches Plakat finden,
das ihm in ein paar kurzen Worten mitteilt,
daß sich der Eingang zu den Sammlungen
fortan Kornmarkt Nr. i im Neubau befindet.
Etwas ernüchtert wird er dann vor Kornmarkt
Nr. i aufmarschieren und wird schon
an der einfachen, ruhigen Fassade, noch mehr
aber an der ganz nach modernen Grundsätzen
erbauten, mit viel Licht erfüllten Vorhalle des
von German Bestelmeyer geschaffenen Neubaues
merken, daß sich hier vieles, um nicht zu sagen
alles geändert hat.
Über eine breite, monumentale, dabei bewußt
schmucklose Steintreppe gelangt man ins Obergeschoß
des Neubaues, das mit seiner stattlichen
Anzahl von 30 Sälen den wertvollsten
Bestandteil der Sammlungen, die Groß-Plastik
und die Gemälde, birgt. Wer diese in drei
parallelen Fluchten angeordneten, zum Teil mit
Oberlicht beleuchteten Räume das erstemal betritt
, will es nicht glauben, daß die hier ausgestellten
Kunstwerke die gleichen sind, die in
den Dunkelkammern des alten Baues jahrzehntelang
ein freudloses Dasein fristeten.
Der erste Saal, das Primitiven - Kabinett I,
gibt den Auftakt. Eine hell getünchte Wand,
eine niedrige, grau gestrichene Holzvertäfelung,
die die einzelnen Sockel der Plastiken zu einer
ruhigen Einheit verbindet, das ist der äußere
Rahmen, der diesen Saal, wie alle folgenden,
gleichmäßig zusammenhält. Hier stehen die
frühesten Holzplastiken des Museums, Bildwerke
vom 12., 13. und 14. Jahrhundert. Als
Anfang drei romanische Madonnen, darunter
ein Glanzstück wie die große sitzende Mutter
Gottes aus Zirbelholz mit alter Bemalung, eine
der schönsten ihrer Art. Zwei große romanische
Holzkruzifixe, dann der schöne Zyklus von drei
sitzenden rheinischen Madonnen des 14. Jahrhunderts
. Einige frühe Bilder, darunter der neuerworbene
kleine Flügel eines Tragaltars um 1380
und die ebenfalls neu erworbenen prächtigen Figuren
eines stehenden Bischofs um 1400 und eines
sitzenden Bischofs um 1430 (Abb. S. 319), beide
niederrheinische Arbeiten mit völlig intakter alter
Fassung, fügen sich aufs glücklichste in den
ruhig abgestimmten Raum ein. Das direkt anschließende
Primitiven - Kabinett II birgt als
Hauptschatz die vorläufig als Leihgabe ausgestellte
, spätromanische Holzfigur Johannes des
Täufers (Abb. S. 316), früher in der Sammlung
Benoit Oppenheim. Diese Figur ist als
freiplastische romanische Standfigur in Holz mit
vollständig erhaltener alter Bemalung und Vergoldung
ein Unikum. Auf dem schön gegliederten
, mit dem romanischen Vierpaß geschmückten
Sockel steht der in einen langen Mantel
gehüllte, das Lamm als Attribut tragende jugendliche
heilige Johannes. Die Gesichtsform
verrät deutlich den Einfluß, den die byzantinische
, man möchte hier beinahe sagen die ostasiatische
Kunst auf die deutsche frühmittelalterliche
Kunsttätigkeit ausgeübt hat. Seiner
Herkunft aus Schülzburg nach ist das Bildwerk
der schwäbischen Schnitzerschule zuzuzählen.
Zu beiden Seiten des Johannes sind je zwei
stehende und zwei sitzende frühe Madonnen
vom 13. und 14. Jahrhundert, ebenfalls Neuerwerbungen
, aufgestellt. Eine erst kürzlich
in das Museum gelangte lebensgroße Büste
einer Heiligen (Abb. S. 317), kölnisch, vom Anfang
des 14. Jahrhunderts, die der Johannesfigur
an künstlerischer Qualität und an tadelloser
Erhaltung nicht nachsteht, soll gleichfalls
in diesem Räume zur Ausstellung kommen. Die
Stirnwand des Saales schmückt das in Kupfer
getriebene und vergoldete, große romanische
Antependium aus Schleswig-Holstein.
Der erste Hauptsaal (Abb. S. 313) der sieben
mächtige Räume umfassenden Mittelreihe bringt
in schöner, lockerer Anordnung die größeren
Hauptwerke des frühen 15. Jahrhunderts aller
Schulen. Tafelgemälde, darunter die Kreuzigung
Stephan Lochners und die schöne Verkündigung
von Konrad Witz (Abb. geg. S.312),
ein Bild des Weilheimer Meisters und eines
von Gabriel Mälleßkircher füllen den Raum,
der durch die Aufstellung weniger, aber ausgewählt
guter, durchweg lebensgroßer Holzplastiken
aus dem 14. und 15. Jahrhundert belebt
wird. Als besonders edel seien hier hervorgehoben
die zwei frühgotischen Einzelfiguren
einer Heimsuchung der schwäbischen Schule
um 1350 und die in alter Goldfassung prangende
, große Nürnberger Mutter Gottes vom
Anfang des 15. Jahrhunderts.
Die nun folgenden drei Säle der Mittelreihe
bergen den reichen Schatz des Museums an gotischen
Tafelbildern und ganz erhaltenen Altarwerken
.
Der erste Saal zeigt die spätgotischen Bilder
der schwäbischen, Kölner und westfälischen
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