Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 346
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fälle zuweilen gar nicht oder erst recht spät
als solche erkannt werden. Und es kann sogar
vorkommen, daß eine Künstlerin stirbt, bevor
ein größerer Kreis inne wird, wer sie gewesen
ist und was ihre Kunst bedeutet hat. Dieses
bittere Schicksal hat die Malerin Emmy Lischke
erfahren. Nie, zu keiner Zeit ihres unendlich
arbeitsamen Lebens, hatte sie auch nur annähernd
den Erfolg, den sie von Rechts wegen
hätte haben müssen. Und als sie dann, fast
sechzigjährig, auf ihrer Höhe stand und die
Wolken sich zu lichten begannen, die ihre
Künstlerlaufbahn stets verdüstert hatten, da
starb sie. Aber ihr Werk lebt, und wenn nicht
alles trügt, dann wird es jetzt, nachdem so
etwas wie ein geheimnisvoller Bann davon gewichen
ist, zu reden beginnen. Und auch tauben
Ohren wird seine Sprache verständlich
klingen.

Emmy Lischke ist am 13. November 1860
zu Elberfeld als Tochter des damaligen Oberbürgermeisters
dieser Stadt geboren. Als der
Vater das Amt niederlegte, übersiedelte die
Familie nach Bonn. Vater und Mutter waren
in hohem Grade kunst- und musikliebend, der
Vater außerdem ein großer Naturfreund. So
waren alle Voraussetzungen für eine glückliche
Entwicklung der begabten, heranwachsenden
Tochter gegeben. Und da sich bald auch der
künstlerische Gestaltungsdrang in ihr regte, so
erlaubte man ihr, ein Semester an der Düsseldorfer
Kunstakademie zu studieren. Mehr hielt
man damals bei einer Dame weder für schicklich
noch für nötig. Emmy Lischke war also
gezwungen, sich vorerst allein weiterzubilden.
Nach dem Tode ihres Vaters, Ende der 1870er
Jahre, finden wir sie eine Zeitlang fleißig malend
in Wieblingen bei Ulm, wo sich bereits
ihre romantischen Neigungen zu offenbaren begannen
. Sie sah nicht nur die Waldwildnis,
wie sie war, mit den scharfen Augen eines
Realisten, sondern sie sah auch, was nicht in
Wirklichkeit, sondern nur in ihrer Phantasie
da war: Nymphen und Faune und ähnliche
Fabelgeschöpfe, in denen die Zauberstimmung
des Urwalds sichtbare Gestalt zu gewinnen
pflegt. Und so wurde es deutlich, daß diese
Art Romantik, die u. a. auf Böcklin weist, bei
ihr unmittelbar aus einer von der Phantasie
unterstützten und geleiteten Anschauung stammt
und nicht Nachempfindung oder Niederschlag
literarischer Einflüsse ist. Vor einem Abirren
in Regionen aber, in denen das üble Poetisie-
ren um jeden Preis und der Gefühlskitsch zu
Hause sind, hat sie allezeit nicht nur ihr guter
Geschmack, sondern auch ihr tiefes und wahrhaftes
Durchdrungensein von den Wundern der
Natur und die Solidität ihres Könnens bewahrt.

Ende der i3Foer Jahre kam sie nach München,
dem sie bis zu ihrem Tode treu geblieben ist;
und damals ist es vor allem Ludwig Willroider,
ein Meister der Münchner Landschaft großen
Stils, gewesen, der ihr mit gutem Rat zur Seite
stand. Anfang der 1890er Jahre holte sie sich
dann im Kunstverein ihren ersten, ansehnlichen
Erfolg. Es dürfte sich heute vielleicht noch
mancher, gleich dem Schreiber dieser Zeilen,
jener Ausstellung erinnern, die jedenfalls daran
schuld war, daß von Stund an sich eine kleine
Gemeinde angelegentlichst für Emmy Lischke
zu interessieren begann. Starke, ganz besonders
fruchtbare Eindrücke empfing sie in der
Folgezeit in Rom und dessen Umgebung, dann
später in der Bretagne und in den Bergen
Tirols und der Schweiz, wo es ihr besonders
die Wildnis des eigentlichen Hochgebirgs angetan
hatte. Sie trug sich auch lange mit dem
Gedanken, eine Anzahl Bilder unter dem gemeinsamen
Titel „Vom Fels zum Meer" zu
malen. Sie wollte in dieser Serie alles zusammenfassen
, was ihr die Natur an Gewaltigem
und Schönem, an Wildem und Zartem je geoffenbart
hat. Leider ist der großartige Plan
nicht verwirklicht worden. Aber einige Hochalpenlandschaften
und ein paar Waldmotive
aus dem Nymphenburger Park, die sie in dem
Jahre vor ihrem Tode gemalt hatte, ersetzen
wohl bis zu einem gewissen Grade, was der
Kunst durch die Nichtausführung des erwähnten
Zyklus verlorengegangen ist. Ende Mai
1919 ist dann Emmy Lischke nach kurzer
Krankheit gestorben. Und der Heroismus, den
sie im Leben und bei der oft genug äußerst
mühsamen und anstrengenden Arbeit stets bewiesen
hat, ist auch im Tode nicht von ihr
gewichen. Sie starb tapfer und unbesiegt, wie
sie gelebt hatte.

Die Hauptmotive ihrer Kunst sind weiter
oben schon angedeutet worden. Es sind die
Berge, dann vor allem das Meer, dessen gewaltig
rollende, wildschäumende Brandungswogen
in ihr eine Gestalterin ersten Ranges gefunden
haben, und der sich zu Hallen und
Domen wölbende Wald, durch den grüne Flammen
züngeln und lodern und in dessen geheimnisreichen
Gründen es sich zuweilen sehr romantisch
regt. Vielleicht ist es nur Einbildung,
wenn man gerade in diesen Waldbildern (Walddichtungen
müßte man eigentlich sagen) Musik
rauschen hört. Aber daß sie, wie noch manches
andere Bild Emmy Lischkes, dieser leidenschaftlichen
Musikfreundin und -kennerin, irgendwie
aus dem Geiste der Musik geboren
sind, scheint beinahe sicher. Vielleicht ist das
fast feierliche Pathos mancher Bilder ebenso
wie das stürmische Temperament, das in an-

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