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ERNST TE PEERDT
NEBELMORGEN (1887)
letten Saum des weiten Meeres oder läßt sie
gespenstisch aus dem perlmutterfarbig schillernden
Nebel auftauchen, der über den öden Küstensümpfen
lagert.
Wie empfänglich der Künstler schon früh
für die feinen malerischen Reize unserer alltäglichen
Umwelt war, für welche in weiteren
Kreisen erst durch das Eindringen des Impressionismus
ein wirkliches Verständnis geweckt
wurde, zeigt sein „Garten beim Elternhaus'*,
eine frisch und keck eingesetzte Studie, die man
sehr wohl mit gewissen, gleichfalls aus dem
Rahmen der zeitgenössischen Kunstanschauung
herausfallenden Früharbeiten Adolf Menzels
vergleichen kann. Diese Richtung nach der Seite
des „paysage intime" fand in der Münchner
Periode Ernst te Peerdts, welche 1884 begann,
reiche Nahrung und Förderung.
Den schlichten und doch so stimmungsreichen
Motiven der süddeutschen Hochebene mit
ihren Flußrändern und Wiesengründen, ihren
Waldecken und malerischen Dorfpartien weiß
er da jene ganz auf farbenmusikalischem Gebiet
liegende Schönheit abzugewinnen, die wir
bei den feinsten französischen Landschaftern
seit 40 Jahren so hoch einschätzen. Man zähle
die französischen Bilder der Barbizonschule
oder die des frühen Impressionismus, die an
delikater Malerei und zugleich an Gefühlstiefe
seiner „Deutschen Landschaft aus dem Salzachtale
" gleichzustellen sind und in denen die nie
lauten, stets aber der künstlerischen Absicht
angepaßten Ausdrucksmittel sich so restlos mit
dem Naturmotiv decken! Auch der „Fischer
am Inn", das sonnendurchleuchtete „Waldinnere
" und einige Vorwürfe aus dem „Nym-
phenburger Park" sind Proben dieser erlesenen,
nie aufdringlichen, aber durch die ungemein
feinfühlige Abstimmung der Werte vernehmlich
zu unserer Seele sprechenden Landschaftskunst.
Bezeichnend für seine spätere Periode ist nicht
nur das immer entschiedenere Zurücktreten
jeder äußeren Handlung, sondern auch ein Bevorzugen
toniger Wirkungen, die mit te Peerdts
ursprünglicher Freude an der reinen Farbe
merkbar kontrastiert. Für den Durchschnittskunstgenießer
, der nicht durch das Äußere hindurch
in das innere Wesen des Künstlers zu
dringen vermag, wird diese unauffällige, altmeisterliche
Art häufig etwas zu Simples haben.
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