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ERNST TE PEERDT
AM NYMPHENBURGER KANAL (1887)
Für die ästhetische Einschätzung kommt es
lediglich darauf an, welche Formung die Idee
mit den spezifischen Mitteln der betreffenden
Kunst erhalten hat, und ob der Inhalt ganz in
der künstlerischen Form aufgeht. Seine Bilder
entfalten sich, ohne daß das Auge auf Details
hängen bleibt; er macht keine erstaunlichen
Tricks und vermeidet alle billigen Effekte. Immer
geht bei ihm die dargestellte Natur durch Kopf
und Herz, und es trifft auf ihn zu, was Millet
einst als Forderung aufstellt: Le fond est ceci:
qu'il faut qu'un homme soit touche d'abord pour
toucher les autres.
Der Zug einer gewissen mystischen Weltverlorenheit
, der sich in manchen der Arbeiten
te Peerdts aus seiner besten Zeit findet, durchzieht
die ganze Persönlichkeit des Künstlers,
der sich auch in einigen, an tiefen Gedanken
reichen kunstphilosophischen Schriften über
Malerei und Plastik versucht hat. Dieser Zug
erklärt es, daß er, enttäuscht und verbittert
durch das Mißverstandensein, dem er unter
seinen Zeitgenossen begegnete, lange Jahre hindurch
den Pinsel fast ganz ruhen ließ. Das
war die Zeit, in der er sich in völliger Abgeschiedenheit
von den künstlerischen Strebungen
der Gegenwart mit dem phantastischen Plan
eines Darwindenkmals, das zugleich ein Denkmal
der Menschheit werden sollte, beschäftigte
und eine, viele Dutzende von Blättern umfassende
Reihe von Vorstudien dazu entwarf.
Verlorene Jahre für das Schaffen, zu dem er
eigentlich berufen war! Seiner malerischen
Tätigkeit gab ihn erst die letzte Vergangenheit
wieder, als man, durch Zufall fast, auf die Bedeutung
dieses als Mensch wie als Künstler
gleich eigenartigen Mannes aufmerksam wurde
und seine Schöpfungen in das Licht einer gerechteren
Bewertung stellte. Mit Vorliebe hat
der Künstler sich in dieser letzten Zeit seines
künstlerischen Schaffens dem Stilleben zugewandt
und dabei im engen Anschluß an die
Natur, aber unter starker Betonung persönlichsten
Empfindens Ergebnisse gezeitigt, die allein
schon ihm einen dauernden Platz in der Entwicklungsgeschichte
der deutschen Malerei
sichern würden.
Mit liebevollem Eifer hatte die Galerie Flechtheim
unmittelbar vor dem Weltkriege die Schätze
vereinigt, welche der Maler lange Zeit scheu
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