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höherer Ernst und größere
Strenge in diesen Bildern;
über die Sonne zog eine Wolke
hin . . . Vielleicht kam aus
der Beschäftigung mit Pieter
Breughels geisterhafter Märchenwelt
ein neuer Zug in
Hengelers Arbeit; zuweilen
glaubt man sich vor diesen
grotesken Gestaltungen, die
dem Alltag so sehr zuwiderlaufen
, an den großen niederländischen
Meister erinnert.
Indessen blieb Hengeler doch
der er war; seiner bisherigen
Entwicklung tat er nirgends
Gewalt an. Die Leuchtkraft
und satte Tiefe seines Kolorits
hat er noch gesteigert.
Einige Arbeiten, ein Akt,
Studienköpfe und die temperamentvolle
Skizze zu einer ganz
ungewöhnlich aufgebauten
„Kreuzigung", sprechen nachdrücklich
für Becker-Gundahl,
von dem man wieder einmal
eineKollekti vausstellung sehen
möchte, um dieser wie köstlicher
Wein mit den Jahren
immer süßer reifenden und
sich steigernden Kunst, die
im Gesamtbild des Münchner
Kunstlebens immer noch nicht
den verdienten Platz einnimmt
, einmal herzlich froh
werden zu können. Eine Kreuzigung
ganz anderer Art, als
Altarbild in gedrungenem Aufbau
, ausgezeichnet in der leidenschaftlichen
Stimmung,
wirkungsvoll im farbigen Zusammenbau
zeigt Eduard Bau-
drexel. Sonst sind mir besonders
die leicht und schmissig
" hingesetzten figürlichen Szenen
Naagers, die mit wenig
Mitteln vielsagenden Stilleben
von Bock, die Tier- und Reiterbilder
Dills, die eigenartigen
Landschaften von Seyler als
starke Eindrücke haften geblieben
.
Bei der Genossenschaft gibt
es solcher Eindrücke beträchtlich
weniger. Einige jüngere
Künstler ziehen an. Vor allem
Konstantin Gerhardinger, der
doch viel mehr kann als Stil-
WALTER DITZ ERWACHEN
Ausstellung der Münchner Künstler-
genossetischafl
leben in der Art und nach der
Palette Schuchs malen. Das
Atelier mit dem ausgezeichnet
gemalten Akt am hohen Fenster
ist ein Bild, das über das
technische Können hinaus von
stärkster Stimmung erfüllt ist.
Baumgartner, Herzog, Kaiman
, Päde gehören in die Umgebung
Gerhardingers. Eigene
Wege geht Baumhauer, dessen
religiöse Bilder, aus dem Überschwang
eines wirklich religiös
empfindenden Herzens heraus
entstanden, von Jahr zu Jahr
an technischer Reife gewinnen,
Theodor Baierl läßt sich von
den alten Meistern, besonders
von Dürers Stichen, kräftig
anregen; indessen „verdaut"
er gründlich, was er gesehen,
läßt es die eigene Persönlichkeit
passieren, und stellt dann
Bilder heraus, die ungewöhnlich
sind in der Akribie und
Feinarbeit der Durchführung
und in der bestrickenden
Oberfläche der Gestaltung
seltsamer Gebilde, die jenen
Gesichten der Alten gleichen.
Man mag damit — wie auch
mit Baumhauers Arbeiten —
die Malereien Graßls, der beim
„Bund" ausstellt, vergleichen:
es gibt anziehende Parallelen.
Einen eigenen Einschlag
von starkem Reiz gaben bisher
den Ausstellungen die geschlossenen
Kollektionen oder
die Nachlaßausstellungen.Was
die Maler anlangt, so ist es
damit heuer nicht sonderlich
gut bestellt. Zwei kleine Nachlässe
sind wohl da, aber sie
sagen über die längst und
gutbekannten Künstler, die
beide fleißige Aussteller waren
, nichts Neues von Belang.
Die Stärke von C. L. Voß lag
im Interieur,in der intimen Ab-
schilderung traulicher Räume
aus altväterischen Tagen, in
deren lawendelduftende Stimmung
sich Voß gern einspann ;
die Nachlaßausstellung bestätigt
es. Karl Seiler war ein
Feinmaler, dessen oft nur
handtellergroße Bildchen von
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