Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 45. Band.1922
Seite: 386
(PDF, 78 MB)
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MAX PECHSTEIN

SCHLUCHT IM WINTER

Ausstellung der Münchner Neuen Secession

Die ersten Statuen waren starr, die Augen nach
innen gerichtet, ihre Füße waren ungetrennt
voneinander, die Beine zusammengepreßt und die
Arme hingen an beiden Seiten schlaff hernieder.

Zunächst ahmte man die Ruhe nach, später
die Bewegung. Im allgemeinen gefallen Motive
der Ruhe besser in Marmor oder Bronze, und
bewegte Motive in Farben und auf der Leinwand.

Die Verschiedenheit des Materials ist hier
von Bedeutung: ein Marmorblock ist nicht
dazu geeignet, davonzulaufen.

Die Kunst verhält sich zur Natur wie eine
schöne Statue zu einem schönen Menschen.

Unter den Farben gibt es natürliche Verwandtschaften
, die man nicht außer acht lassen darf.
Die Reflexe sind ein Naturgesetz, durch welches
diese die durch den Kontrast zerbrochene Harmonie
der Objekte wiederherzustellen sucht.

Verwirrt die Farben eines Regenbogens —
und der Regenbogen ist nicht mehr schön.

Schaltet die Bläue der Luft, die auf die Röte
eines schönen Gesichtes fällt und hier auf einige
dunklere Stellen einen unmerkbar zarten violetten
Hauch breitet, aus — und ihr werdet kein
lebendiges Fleisch darstellen.

Wenn ihr nicht bemerkt habt, daß, wenn
die Extremitäten eines Körpers teilweise beschattet
sind, die beleuchteten Teile dieses Körpers
sich euch zu nähern scheinen — so werden
sich die Umrisse der Gegenstände niemals
klar von eurer Leinwand abheben.

Unzweifelhaft gibt es Farben, die das Auge
bevorzugt. Manche Farben werden durch die
sie begleitenden moralischen Ideen schöner. So
ist das Rot der Unschuld und Scham auf den
Wangen eines jungen Mädchens die schönste
Farbe der Welt.

Wenn ich mich an gewisse Bilder Rembrandts
und anderer Maler erinnere, so halte ich an der
Überzeugung fest, daß in der Lichtführung
ebensoviel oder mehr Enthusiasmus beruht, als
in irgendeinem anderen Teil der Kunst.

Die Ideenmalerei besitzt in ihrem Helldunkel
etwas Metaphysisches, und daher ebensoviel
Geist als strenge Nachahmung und ebensoviel
strenge Nachahmung als Geist.

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