http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_45_1922/0452
JULIUS HESS
Ausstellung der Münchner Neuen Secession
LANDSCHAFT: BERG
Die Alten versuchten sich selten in großen
Kompositionen; sie malten eine oder zwei Gestalten
, aber diese vollendet. Es kommt dies
daher, daß die Malerei damals auf den Spuren
der Skulptur ging.
Je weniger Figuren die Alten in ihren Bildern
verwandten, um so stärkere Wirkung
mußten sie zu erreichen suchen. Ebenso zeichneten
sie sich durch Idealität aus. So lange
sich die erhabene Idee nicht zeigte, ging der
Maler spazieren oder zu seinen Freunden und
ließ seine Pinsel inzwischen liegen.
Einer malt die Kinder der Medea, die mit ausgestreckten
Armen ihrer Mutter entgegengehen und
dem Dolche zulächeln, den sie über sie erhebt.
Ein anderer — es ist Aristides — malt eine
bei der Eroberung einer Stadt sterbende Mutter:
ihr kleines Kind kriecht auf ihr entlang, aber die
an der Brust verwundete Mutter entfernt das
Kind aus Furcht, es könnte Blut anstatt der
verlangten Milch saugen.
Hat sich ein Dritter vorgenommen, euch die
ungeheure Größe eines eingeschlafenen Zyklopen
begreiflich zu machen? Er zeigt euch einen
Hirten, der sich dem Zyklopen leise genähert
hat und seinen Zeh mit dem Stiel einer Ähre
abmißt. Diese Ähre ist ein gemeinsames Maß
zwischen dem Hirten und dem Zyklopen, und
die Natur hat dieses Maß gegeben.
Nicht die Ausdehnung einer Leinwand oder
eines Marmorblockes gibt den Gegenständen
Größe. Der Herakles des Lysippos war nur
einen Fuß groß, aber man sah ihn so groß
wie den Herkules Farnese.
Einfachheit, Macht und Anmut sind die
eigentlichen Merkmale antiker Kunstwerke;
und besonders Apelles vertrat unter den antiken
Künstlern die Anmut.
In seinen besten Werken ist Correggio würdig
, ein Maler Athens zu sein: Apelles hätte
ihn seinen Sohn genannt.
Niemand wagte es, die Venus des Apelles
zu vollenden. Er hatte nur ihren Kopf und
ihren Hals gemalt — aber dieser Kopf und
dieser Hals ließen die Palette aus den Händen
aller Maler fallen, die sich diesem Bilde näherten.
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