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DAS RESIDENZMUSEUM IN MÜNCHEN
II.
TRIERZIMMER UND STEINZIMMER*)
Die Umwandlung der mittelalterlichen Burg
in eine fürstliche Residenz hat Kurfürst
Maximilian (1597 —1651) vollzogen. Die Bauten
der Renaissancezeit, das unter Albrecht V. aufgeführte
Antiquarium und die unter Wilhelm V.
angefügten Trakte um den prächtigen Grottenhof
waren nur Annexe an die mittelalterliche
Feste, die in der Gesamtwirkung des ausgedehnten
Baukomplexes das Bestimmende
blieb. Der Maximilianische Neubau war eine Anlage
im großen Stil, gegen die das bestehende
Alte nicht mehr aufkam. Die Flügel um den
großen Kaiserhof verlegten das Schwergewicht
auf die Seite der jetzigen Residenzstraße; die
Fassade an der Residenzstraße ist das Gesicht,
an das man vor allem denkt, wenn die Residenz
genannt wird. So schlicht die architektonische
Ausgestaltung dieser Schauseite, an
der nur die vornehmen Portale und die mittlere
Ädikula mit der Figur der Patrona Bavariae
sprechen, so wirkungsvoll, nordisch herb und
kraftvoll ist das Ganze. Auch diese Einfachheit
war eine Sache reiflicher Überlegung. An
neu gefundenen Rissen sehen wir, daß ursprünglich
auch die Außenarchitektur reicher
geplant war, daß die drei fast gleich hohen
Geschosse eine Gliederung durch Pilaster und
Halbsäulen im Anschluß an italienische Vorbilder
bekommen sollten, daß die Zwischengeschosse
mit den runden Ochsenaugenfenstern
gar nicht vorgesehen waren. Wir bedauern
diese Vereinfachung nicht. Sie ist es, die dem
Bau seine besondere Note gegeben hat, die
ihm auch jetzt noch seine vornehme Würde
läßt, seit im Laufe der Jahrhunderte monumentalere
Adelspaläste und Kirchen in seine
Nähe getreten sind.
In den drei äußeren Flügeln um den Kaiserhof
hat Maximilian die prunkvollen fürstlichen
Räume eingebaut; der vierte Flügel am Kapellenhof
blieb für untergeordnete Nebenräume reserviert
. Im Westflügel an der Residenzstraße,
aber von der Straße durch Korridore getrennt,
da sich das fürstliche Leben nicht vor der Öffentlichkeit
abspielen konnte, die Wohnzimmer des
Kurfürsten, die Steinzimmer, im Ostflügel die
Gästezimmer, die seit dem Aufenthalt des Trierer
Kurfürsten ClemensWenzeslaus, desVerwandten
*) Siehe auch unseren Aufsatz über die „Reichen Zimmer"
und „Kurfürstenzimmer" im Oktober/November-Heft 1920.
und Freundes von Karl Theodor, Trierzimmer
genannt werden, und an der Nordseite die
großen Prunksäle, der Kaisersaal und der Vierschimmelsaal
, in die die monumentale Haupttreppe
, die Kaisertreppe mündete. Diese Prunksäle
waren die Seele der ganzen Raumfolge, der
Höhepunkt in der bewußten Steigerung der
Raumeindrücke. Sie sind jetzt verschwunden,
Fürstenlaune zum Opfer gefallen.
Als nach dem Tode Karl Theodors (1799)
der neue Kurfürst Maximilian IV. Joseph von
Zweibrücken-Birkenfeld nach München zog,
wollte er für seine Gemahlin moderne Wohnräume
im Geschmack des schlichten Klassizismus
haben und dafür schien ihm gerade der
Nordflügel am Hofgarten passend zu sein. Vergebens
wandte das Münchener Hofbauamt ein,
daß sich diese kalten Nordräume am übelriechenden
Festungsgraben an sich nicht für
Wohnbauten eigneten, und daß an der Südseite
viel mehr Platz für einen Neubau wäre,
vergebens wies es darauf hin, daß durch den
Umbau die schönsten Säle der Residenz zerstört
werden müßten; alle Einwände wurden
beiseite geschoben, der Kurfürst ließ seinen
Mannheimer Architekten Karl Peter Puille kommen
und dieser mußte gegen den Willen der
Bayern die heutigen Hofgartenzimmer einbauen.
Damit ist die deutsche Kunst um Meisterwerke
höchsten Ranges ärmer geworden.
Die Folge dieser frühbarocken Räume ist so
durch die klassizistischen Hofgartenzimmer, die
wie Fremdkörper in ein organisches Ganzes eingeschoben
sind, auseinandergerissen. Auch die
übrigen Räume mußten sich im Laufe der Jahrhunderte
manche Modernisierung gefallen lassen.
Die Trierzimmer, die als erste unter den Prunkräumen
um 1612 vollendet wurden, haben noch
viel vom ursprünglichen Charakter der deutschen
Renaissance bewahrt. Nur die mittleren
Räume, die Schlafzimmer und die anschließenden
Schreibzimmer, wurden nach den Bedürfnissen
des 18. Jahrhunderts verändert, verkleinert, intimer
gestaltet. Ihre boudoirhafte Feinheit kontrastiert
energisch mit der schweren Gemessenheit
der Vorzimmer und Empfangszimmer, die
auf beiden Seiten folgen. Der Kontrast bewirkt
zwar eine gewisse Steigerung vom Einfacheren
zum Komplizierteren, die in der ursprünglichen
Absicht lag. Auch die Stein-
Dekorative Kunst. XXV. 4. Januar 1922
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