http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_46_1922/0128
Auliczek. Wie jene auf die Ausdrucksmöglichkeiten
und die Technik des Materials ihre Kunst
abstimmten, so sind auch hier all die vielen
Reize des Porzellans zur Geltung gebracht, so
zwar, daß kein anderes Material die erreichten
Effekte so vollends erschöpfen, ja, daß man
sich in keinem anderen Werkstoff die Ausführung
denken könnte. Dem sich in wundervoll
ruhiger Silhouette aufbauenden springenden
Pferd sind ungezwungen und ganz wie selbstverständlich
all die Attribute beigefügt, die der
Zweck des Geschenkes erfordert. Fügt man
noch hinzu, daß in diesem fein dekorativ angebrachten
Wappenschild und dem reizvollen
Putto, der als Morgengabe die Herzogskrone
überreicht, vom Standpunkt des Technikers unerläßliche
Stützpunkte geschickt maskiert sind,
so vermag man sich erst einen Begriff vom
Materialempfinden und der Stoffbeherrschung
des Künstlers zu machen. Denn auch rein technisch
betrachtet, bedeutet ein Kunstwerk in diesen
Ausmaßen — das Pferd mit dem Sockel
hat eine Höhe von 65 cm, die Unterplatte einen
Längsdurchmesser von 70 cm — eine respektable
Leistung. Ein künstlerisch besonders feiner
Zug war es, die Wirkung des Aufsatzes nach
zwei Richtungen hin zu teilen: Als Plastik
von kräftig monumentaler Art wirkt das Pferd
in vertikaler Richtung; für den Beschauer, der
an der Festtafel Platz genommen hat, jedoch
tritt die intimere Horizontalwirkung der Unterplatte
, die den glücklichen Übergang zum Service
vermittelt, in Erscheinung. Unterstützt
und gehoben wird diese doppelte Wirkung der
plastischen Form durch die Anordnung und
Verteilung der Malerei. Während das Pferd
selbst in ganz lichten Tönen gehalten und nur
Mähne, Schweif und Hufe durch eine feine
zartgraue Bemalung hervorgehoben sind, bringt
bereits das Wappenschild mit seinen farbigen
Feldern und der leuchtenden Vergoldung, noch
mehr aber der Putto mit der purpurgefütterten
Krone eine kräftige Farbnote, die im Sockel
mit den feinen, lebhaften Blumen und Goldspitzen
ihre Überleitung findet zu der aufs
reichste ausgeführten Unterplatte. Schon die
Auflösung dieser großen Fläche durch die Goldornamentik
ist mit feinem Raumempfinden durchgeführt
, ganz besonders aber finden wir an diesem
Stück die Ausführung und Farbenkomposition
auf ihrer höchsten Stufe. Von Wackerle
modellierte Obstschalen, die teilweise mit Vogelszenen
, teilweise mit Blumenmotiven geschmückt
sind, lassen die monumentale Wirkung des Mittelstückes
nach den Seiten verklingen.
So zeigt sich uns denn dieses Prunkservice
als Ganzes betrachtet als ein Werk, das nach
seiner Anlage, Aufbau und Durchführung im
einzelnen nicht nur den schaffenden Künstlern
und der Werkstätte, aus der es hervorgegangen
, sondern auch den Spendern zur bleibenden
Ehre gereicht. Wenn die Hoffnung, daß
die hier gewonnenen Erfahrungen sich zu weiteren
Blüten entwickeln mögen, durch die gegenwärtigen
Verhältnisse getrübt wird, so ist
dies eine Sorge, die ganz allgemein jeden
Kunstfreund bei den schweren Zeiten, denen
unser Vaterland entgegengeht, beschleichen muß.
STAATLICHE PORZELLAN-MANUFAKTUR NYMPHENBURG MOKKATASSE
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