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SILHOUETTEN VON C. F. BARTHEL-MÜRAU
Gibt es Menschen, die Silhouetten nicht mögen ?
Ich glaube es wohl, kenne sogar selbst
welche. Und was mag der Grund dieser Abneigung
sein? Er ist zu erraten: Die schwarze
Fläche, hart gegen das grelle Weiß abgesetzt,
hat etwas Totes, Gespenstisches. Es fehlt die
lebenverheißende Freundlichkeit der Rundung,
durch die modellierende Schattierung erzeugt,
und die dadurch bewirkte warme Nähe. Das
Schwarz, das durch keinen Lichtfleck unterbrochen
wird, bedingt kühle, erkältende Entfernung
und Ferne. So scheint es wenigstens
jenen, die kein Organ für Silhouetten haben.
Wir andern aber, die wir so glücklich sind,
nicht durch Vorurteile oder Idiosynkrasie behindert
zu werden, wissen, daß an allen diesen
Einwänden wohl etwas Wahres ist — wie an
jedem möglichen Einwand —, daß sie aber
nicht das Wesen der Sache berühren. Wir wissen,
daß die Silhouette, die ja schon ziemlich alt
ist, ihre Existenzberechtigung als Kunstwerk
und als Ausdrucksmittel längst nicht mehr zu
beweisen nötig hat. Unzählige haben sich schon
an ihr erfreut und werden noch an ihr Freude
erleben; denn ihre Reize sind nicht auszuschöpfen,
und trotz der scheinbaren Beschränktheit ihrer
Möglichkeiten gibt es so viele Silhouettenstile
als Persönlichkeiten, die sich ihr zuwenden.
Läßt sich doch mit dem Schattenriß alles sagen,
was ein Künstler überhaupt auszudrücken
wünschen kann: Leid und Freud, Liebe und
Haß, Glück und Tragödie, Humor und Satire.
Wer es zum ersten Male erfährt, ist aufs äußerste
erstaunt über die Fähigkeit des Umrisses, zu
sprechen und das Letzte über Menschen und
Dinge zu sagen, so daß man nicht das Gefühl
hat, als fehle irgend etwas, vielmehr jede weitere
Einzelheit nur störend empfände. Man kann
C. F. BARTHEL-MÜRAU HALT! -
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