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HOLZHÄUSER VON ALBINMÜLLER
Stärker denn je geht die Sehnsucht unserer
Zeit nach dem stillen, ländlichen Besitz
auf eigener Scholle. Gegenüber dem inneren
Zerfall der Zivilisation, dem wachsenden Elend
in den Großstädten und in den industriellen
Zentren wirkt, zumal bei dem geistigen Menschen
dieser Zeit, die Rückkehr zur Natur
wie letzte Befreiung von allem Diesseitigen
und Erdgebundenen. Grade die wirtschaftliche
Not der letzten Jahre führt die Sehnsucht der
Menschheit zwingender denn je zurück aufs
Land, wo weniger stark die Sorgen der Alltäglichkeit
den Menschen belasten, weniger
hart die Gebundenheit irdischen Daseins die
Seele des Einzelnen bedrückt. Noch nie vielleicht
ist in den Menschen, die so glücklich
sind, frei von allem Eingespanntsein in die
Alltäglichkeit übernommener Pflichten und
Berufe ihr Leben nach eigenen Gesetzen führen
zu können, ähnlich der Wunsch nach Loslösung
von den engen Bezirken städtischer
Gemeinschaft lebendig geworden wie grade
heute. Allerdings ist diese Wandlung innerhalb
der wirtschaftlichen und geistigen Einstellung
einer Generation nur zu einem Teil durch die
Momente äußeren Geschehens zu erklären.
Wer aufmerksamer hinter die Umwertung aller
überkommenen Werte blickt, muß unbedingt
erkennen, daß der oben genannte Prozeß, jener
Versuch einer Neuorientierung in dem Verhältnis
zwischen dem Einzelnen und der Welt
innerer Notwendigkeit entspringt. Nachdem
nämlich der Zusammenbruch der letzten Jahre,
der gemeinsames Schicksal unseres ganzen Erdteils
gewesen ist, den Menschen davon überzeugt
hat, daß letztes Glück nur in der Abkehr
von sogenannten äußeren Erfolgen besteht,
und daß es gegenüber dem Ehrgeiz einer rein
kapitalistischen Gesellschaftsordnung wieder
ein Reich Gottes auf Erden gibt, in dem sich
der Mensch, losgelöst von allen Bindungen
vergänglicher Art, ein Leben, erfüllt vom Geist
und jener letzten Tugend, aufzurichten vermag
, die schon die alten Weisen des Ostens
gelehrt haben, mußte der Rückschlag auf den
zermürbenden Rationalismus letzter Vergangenheit
von selbst einsetzen. Dies ist der Grund,
warum wir heute—zu einem Teil wenigstens—
wieder den Wunsch nach Überwindung jedweder
alltäglichen Bindungen in uns fühlen
und warum der einzelne Mensch mehr denn
je sich als Herr seines eigenen inneren Schicksals
empfindet. Freiheit im Wirtschaftlichen
und Sozialen aber bedeutet zugleich Befreiung
im rein Geistigen.
Freilich ist es ein Jammer, daß die allgemeinen
wirtschaftlichen Verhältnisse heute, wo
die Teuerung auf allen Gebieten des täglichen
Lebens von Tag zu Tag weitere Fortschritte
macht, es nur einem kleinen Kreis von unabhängigen
Menschen gestatten, jenem inneren
Drang nach Absonderung und Eigenleben
stattzugeben. Man kennt die Tatsache der allgemeinen
Wohnungsnot, die — zumal nach Beendigung
des Krieges — die Großstädte unseres
Kontinents überfallen hat und wenn sich inzwischen
auch die Behörden bemühen, durch
Siedlungen und neue Wolkenkratzer nach und
nach der bestehenden Kalamität Herr zu werden
, so wird doch noch eine geraume Zeit
dahin gehen, bis Europa sich einmal wieder in
seinen vier Wänden so glücklich fühlen kann,
wie etwa in den Jahren, die das zwanzigste
Jahrhundert eingeleitet haben, damals, als die
ersten neuzeitlichen Villen entstanden und der
Siedlungsgedanke im modernen Sinn sich erstmalig
in mustergültigen Einzelschöpfungen
verwirklichte. Auch wenn die äußere Not des
Tages nicht dazu getrieben hätte, für den
Wohnungsbau nach neuen Formen und neuem
Material zu suchen, würde wahrscheinlich der
ästhetische Sinn dieser Zeit von selbst wieder
auf den alten Holzbau zurückgekommen sein,
den frühere Jahrhunderte in vorbildlicher Weise
zumal in Deutschland und im Norden eifrig
gepflegt hatten. Damals freilich stellte sich
dieser Bauart mancherlei Gefahr äußerer Art
entgegen und so ist der Holzbau eigentlich nur
in jenen Gegenden kultiviert worden, wo das
fehlende Material an Stein zur Ausnutzung der
reichen Waldbestände verlockte. Nachdem es
aber fortschreitender Technik gelungen ist,
durch chemische Hilfsmittel die Gefahr des
Brandes bis auf ein Minimum zu beschränken,
nachdem man vor allem gelernt hat, den Holzbau
auch den verschiedenen Witterungseinflüssen
gegenüber widerstandsfähig und selbst
der kältesten Temperatur gegenüber dauerhaft
zu gestalten, mußte er mit Notwendigkeit eines
Tages sein Recht gegenüber dem aus Stein oder
Ziegeln gefügten Bau zurückgewinnen.
Albinmüller, der Darmstädter Architekt,
einer der bewußten Erneuerer auf dem Gebiete
der Architektur, ist unter den Ersten gewesen,
die schon vor Jahren versucht haben, ihre
reiche künstlerische Erfindungsgabe in den
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