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in ihren Verkaufsräumen am Schöneberger Ufer
vor einiger Zeit veranstaltet hat. Hier ist eine
Anzahl Räume in Abmessungen hergestellt, die
denen von Kleinhäusern entsprechen, Wohnzimmer
, Schlafzimmer, Arbeitsraum, Wohnküche,
Kochküche, und wohnlich mit Hausrat- und anderen
zum Gebrauch notwendigen Gegenständen
ausgestattet. Die Wände sind in hellen Tönen
einfach gestrichen und mit Borten in lebhafteren
Farben abgesetzt oder auch mit Schablonenmalerei
versehen. Auf dem Fußboden liegen
Kokosmatten oder einfache Teppiche. Die
Möbel sind so niedrig gehalten, daß auch die
geringe Raumhöhe nicht drückend wirkt, und
die Maße lassen die an sich kleinen Zimmer
nicht beengt erscheinen. Selbstverständlich weisen
alle Gegenstände einfache Formen ohne
besonderen Zierat auf, wie es ja schon der
Zwang wohlfeiler Preise erfordert. Schmuck
und Zier der Stücke sind ihre wohlgelungene
Gesamterscheinung und die schöne Behandlung
des Holzes, das, meist Kiefer, braun, grau
oder schwarz gebeizt oder in leuchtenden Farben
gestrichen und lackiert ist. Unter den ausgestellten
Möbeln zeichneten sich vor allem die
nach Entwürfen von Tessenow aus, von denen
die Abbildungen einige Beispiele bringen. Besonders
freundlich ist das Schlafzimmer in blaugrünem
Anstrich mit farbigen Malereien von
Becker-Tempelburg und die Wohnküche von
Architekt Kadach, gelb lackiert mit blauen Perlleisten
und Rosetten. Außer den Möbeln wiesen
die Räume auch eine kleine Ausstellung von
graphischen Blättern, Kleinplastiken, Schmuck
und Gebrauchsgegenständen in sehr geschmackvoller
Anordnung auf, zum Beweis, daß auch
bei bescheidenen Mitteln echte Kunst die Wohnung
schmücken kann. Die Aufgabe, die sich
die Hausratsgesellschaft gestellt hat, zu wohlfeilen
Preisen gediegenen Hausrat in guter
Form zu liefern, brachte sie auch in dieser
kleinen Ausstellung zum Ausdruck, die in erster
Reihe für alle Freunde und Anhänger des
Kleinhauses interessant war. A. Wiener
HANS POELZIG
Wenn man an Poelzig denkt, so umfaßt der
Blick sogleich ein weit größeres Gebiet als
bloße Architektur. Man weiß, welch ein Instrument
neuer Gedanken der Werkbund unter seinen
Händen geworden ist, und was die Breslauer
Kunstschule ihm an handwerklichen Ideen zu
verdanken hat. In ihm sieht mit Recht die
ganze künstlerische Jugend Deutschlands, nicht
bloß die Architekten, einen Führer zu neuen
Zielen. Und was er schließlich geplant hat,
greift über alle armselige Nützlichkeit und süße
Gewohnheit des Bauens hinweg zu grenzenlosen
Raumgestaltungen und Möglichkeiten, unserer
Zeit eine architektonische Sprache für ihr
unheimlich neues Wollen und Drängen zu
schaffen, etwas was sie immer noch nicht besitzt
trotz aller schönen Reden, Schriften, Bücher
und auch Bauten seit mehr denn 20 Jahren:
einen Stil. In dem, was er hingestellt hat mit
schöpferischer Hand, liegt das alles: Nutzbau,
neue Konstruktivität, der Stil unserer Zeit.
Und woran liegt es nun, daß man von diesem
Mann, der doch der geborene Stadtbaukünstler,
der größte Planer und Schöpfer von ganzen
Städten sein müßte, sich kaum ein rechtes Bild
machen kann? Wo sind auch nur die Aufträge,
die man an seine entwerfende Phantasie hätte
stellen können, Altes umzuwandeln und kühnes
Neues im großen Maßstabe aufzustellen? Hat
jemals ein Maßgebender in Zeiten, die für
umfassende Aufgaben unerhörte Mittel besaßen,
sich an die einzige Stelle gewendet, die Großes
zu schaffen vermochte?
Es bedarf wohl keiner Hindeutung, daß unsere
Zeit allen tieferen architektonischen Instinktes
ermangelt. Man stelle sich nur einmal vor,
wieviele Millionen allein etwa von Frankfurt
für schnödeste Stilimitation in ganzen Stadtteilen
kulturwidrig verpufft worden sind; oder
was wir von Poelzig hätten erwarten können,
wenn er vor dem Kriege die Mittel, die Erlwein
in Dresden zur Verfügungstanden, hätte verbauen
dürfen! Es liegt aber eine grimmige und höchst
verhängnisvolle Notwendigkeit darin, daß unsere
schöpferischen Männer nicht an der Stelle des
Schaffens stehen, und daß Poelzig die Leitung
eines großen Stadtbauamtes in dem Augenblick
übernahm, als alle Mittel plötzlich versiegten und
der fluchwürdige Krieg mit allem übrigen auch die
Architektur für Jahrzehnte aufgefressen hatte.
Indessen, da ist nun nichts mehr zu ändern,
und wir stehen vor den Entwürfen und Modellen
des einzigen Mannes mit jenem Gefühl der
Trauer, das die Unvollkommenheit des Irdischen
uns besonders stark vor großen Ruinen abnötigt.
Denn es sind Ruinen: nie werden sie ausgeführt
werden. Bauten von der Gewalt des „Hauses
der Freundschaft" in Konstantinopel, der Feuerwache
und des Stadthauses in Dresden, des
Bismarck-Denkmals für Bingen, des märchenhaften
Konzertsaales, wie hätten sie der Welt
eine neue morgendliche Vorstellung von unserem
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