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Bauwollen geben können, wie hätten sie unsere
Jugend elektrisiert und wären uns zu dem brausenden
Erlebnis geworden, nach dem unsere Seele
lechzt! Hier und nirgends sonst hätte unsere
Anschauung von architektonischer Ausdrucksform
ihren festen Grund gewonnen; von dieser
überzeugenden Klarheit und Einfalt und dem
ungeheuer gesteigerten Leben der Form, das
nicht im Vielerei, im glitzernden Schmuck, im
reichen Ornament sein Wesen findet, sondern im
siegenden Rhythmus, in der überquellenden Musik
der Baumassen. Sparsamkeit, fast Nüchternheit
in der Einzelform, die sich endlos wiederholt,
Einfachheit und Sachlichkeit der Konstruktion
durchdringen sich in ihnen unlöslich mit einem
überschwänglichen Bewegungsausdruck, mit
einer Phantasie des Baugedankens, die den
kühnsten Schöpfungen der Barockmeister oder
indischer Tempelbauten kongenial sind und
doch mit allen Einzelheiten und Ganzheiten
in unserer Zeit wurzeln, unserem Formverlangen
Recht geben und unsere Raumbedürfnisse
befriedigen.
Man sollte freilich nicht ungerecht sein gegen
das Schicksal und anerkennen, daß es Poelzig
immerhin eine Anzahl von Werken auszuführen
erlaubte. Das prächtige Löwenberger Rathaus,
mit neuen Mitteln in alte Umgebung malerisch
gefügt, die klingende Wölbung und Emporen-
rhythmik der Kirche zu Maltsch in Schlesien,
die Fabriken, Geschäftshäuser und Wassertürme
in Posen, Breslau, Lauban und Dresden, das
mächtige Gaswerk in Reick und zuletzt das
Große Schauspielhaus in Berlin: es ist immerhin
etwas zum Anschauen da, wenn auch zerstreut
und zum Teil jetzt deutschem Gebiet entzogen.
Aber die Tücke des Geschickes hat gewollt,
daß justament die größten und maßgebenden
Bauten nicht zur Ausführung gekommen sind;
die, in denen seine Formensprache am gereif testen
und gewaltigsten zu uns gepredigt hätte; und
die gerade das stadtbauliche Element in Poelzigs
Schaffen uns klar gewiesen hätten: so muß
man gewiß von einem Torso seines Schaffens
sprechen. Seine Entwicklung schritt im ganzen
wie beim Entwerfen des einzelnen Baues vom
Ruhig-Struktiven zum Bewegten und Rauschenden
fort. Dieser Entwicklung zum Barock aber,
zum Ausdruck deutscher Formekstase, kann
man nur an Entwürfen folgen: und damit
entzieht sich der notwendige und wichtigste
Schritt in Poelzigs Schaffen, diesem für die
deutsche Kunst so maßgeblichen Schaffen der
unmittelbaren räumlichen Betrachtung.
Denn was sind die schönsten Entwürfe und
Modelle gegenüber dem Gebauten! Man muß
Architektur im Wandel erleben, außen wie
innen, ihre Massen und Raumbeziehungen, in
Bewegung, in Verschiebung gegeneinander
sukzessiv empfinden: das offenbart den Sinn
der Baukunst. Und vollends im Stadtbilde kann
man sich keine nur geplanten Bauten in ihrer
Wirkung vorstellen. So fehlt uns der stadtbauliche
Standpunkt Poelzigs Schaffen gegenüber.
Wie lebendig er in den Organismus der heutigen
Stadt einzugreifen versteht, wie intensiv er sie
beseelen würde, erkennt man aus dem mächtigen
Eindruck des ehemaligen Zirkus Schumann am
Schiffbauerdamm in Berlin: trotz seiner Ein-
kapselung in enge Nebenstraßen beherrscht er
mit seinem intensiven Rot, mit dem ungeheuren
Vertikalismus seiner zahllosen Lisenen und der
mächtigen Einfalt der Flächen den ganzen
Eindruck jenes Stadtteils; nicht für die simultane
Anschauung, wohl aber für den geistigen
Blick. Wie müßte erst an bedeutender Ringstraßenecke
das neue Stadthaus für Dresden
mit seinem kühn geschwungenen Grundriß,
seiner üppigen Steigerung zur Stufenpyramide
wirken, weithin sichtbar für unterschiedliche
Kreuzungsstraßen und in unregelmäßiger Weite
umrahmt von älteren Häuserblöcken; oder die
Schulen in der Nürnberger Straße zu Dresden,
im Viertelkreis die Zionskirche umspannend
und mit den festen blockartigen Eckpfeilern,
lediglich durch monotone Lisenen gegliedert und
durch diese zwei durchdringenden Riesenmotive
des Grundrisses und Aufbaues zum Klingen
gebracht; und nun gar das Haus der Freundschaft,
das aus den orientalischen Baugewohnheiten
Konstantinopels eine ungeheure Terrassenform
destilliert und mit ihr den Gipfel des sacht
ansteigenden Hügels weithin beherrschend krönt!
Doch ziemt es sich nicht, mit verzweifelter
Resignation von einem so tatenfrohen und
unzerbrechlichen Manne wie Poelzig zu scheiden.
Er ist stärker als das höhnische Geschick: er
wird es meistern. Und wenn die Zeit ihm seine
Aufgaben vorenthält, so schafft er sich selber
welche, es sei von welcher Art. Stark wie ein
Element setzt er sich durch, in irgendeinem
Aggregatzustand: wer so weit gekommen ist,
so gefestigt in sich, ruhend in absolutem Schöpferwillen
und wurzelnd in einem zwingenden Stil,
der wird der Welt seine notwendigen Schöpfungen
nicht schuldig bleiben. Vielleicht überrascht uns
Poelzig mit unvorhergesehenen Dingen. Wie sein
von Literaten angezweifeltes Theater, dessen
farbige Lichtgrotte in ungeheuren Stalaktitenmassen
zum Himmel steigt, aus dem Nichts,
nein aus Schlimmerem als dem Nichts, aus
lauter Widerständen stumpfsinnigster Materie
gezeugt von dem göttlichen Lichtfunken des
Genies: so fremd und ekstatisch, den Wortgläubigen
unfaßbar, werden seine künftigen
Werke auferstehen. Paul F. Schmidt
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