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ten muß, ergibt sich aus einem Überblick der
Stilarten vergangener Zeiten. Man erkennt, daß
ein Gebilde sich logisch aus dem anderen entwickelte
, indem es jedesmal dem veränderten
Sinnen und Trachten, den Sitten des Alltags
und dem Wechsel in Handel und Verkehr
Ausdruck gab.
Manche Erbschaft aus dem 19. Jahrhundert
scheint überwunden und eine leise Abhängigkeit
von jener Zeit, als Napoleon aus den Stürmen
der Revolution hervorging, ist mir bei manchem
Gerät und manchem Möbel aufgefallen. Nicht
zum Schaden des Gesamteindrucks oder des
einzelnen Gegenstands. Denn damals kam wie
heute Künstlerstolz in die Reihen des Handwerks
, man zeichnete die Möbel mit dem Namen
des Schöpfers und suchte bewußt durch Qualitätsarbeit
Werte an Stelle von Nurgebrauchs-
sachen zu stellen.
Damit sind wir aber bei der Forderung angelangt
, die heute nottut, nicht nur, damit wir
würdig und erfolgreich mit dem Ausland in
Wettbewerb treten, sondern hauptsächlich um
dem eigenen Leben eine schöne, anmutvolle Umgebung
zu schaffen, die auf den inneren Menschen
einwirkt und ihn erzieht, die eigenen Formen
den Dingen in seinem Zimmer anzupassen.
So wird ein Mann wie Ernst Haiger zum Erzieher
seiner Zeit in den Fragen des Geschmacks,
und von Räumen, die vorbildlich eingerichtet
sind, strömt geeigneter Einfluß aus auf jene,
die sich eine Wohnung einrichten wollen und
können.
Heute sind Menschen mit vornehm-schönen
Wohnungen Kämpfer für die Kultur gegen die
Angreifer, die aus mißverstandenen sozialen
Ideen oder auch nur aus Gemeinheit zu zerstören
suchen, was im Dasein des Einzelnen an Lebenskunst
und ästhetische Bedürfnisse erinnert.
Möbel und Geräte, die trotzdem entstehen und
einem Gedanken der Lebensharmonie Gestalt
geben, drücken deutlich die Sehnsucht aus,
über Zwang und Not mit den sanften Mitteln
des Künstlers zu siegen.
Haigers Räume, von ihm mit allen Mitteln
geschickter Platzausnutzung umgestaltet, liegen
in einem älteren Haus der späteren Empirezeit
und bieten mit ihrer sonnendurchtränkten Helle
einen geeigneten Rahmen für die Dinge neuesten
Geschmacks. Bilder und Stiche an den Wänden
zeigen die liebevolle Lebensvertiefung unserer
Vorfahren. Sie sind nicht aufdringlich und
wirken doch; sie leisten angenehm Gesellschaft
ohne mitzusprechen.
Wer sich an den großen Schreibtisch setzt
— ein durchaus modern empfundenes Möbel —
hat das Gefühl angenehmster Geräumigkeit, er
stößt mit den Beinen an keine Ecke und findet
Platz für Bücher oder Akten, ohne sein Geschäftsmaterial
unübersichtlich aufeinander häufen zu
müssen. Jede Zeit hat ihren Schreibtisch, der
von Haiger erdachte mit den geschickt angebrachten
Büchergestellen am Rücken und den
Seiten gehört in die Gegenwart, wo das gute
Material über das Ornament, das technisch
Reinliche der Arbeit über die Phantasie der
Linie triumphiert.
Zu dem Schreibtisch paßt der einfach schöne
Schrank aus Mahagoni mit grüngoldener Lackeinlage
, jenem vernis Martin ähnlich, der am
Ende des 18. Jahrhunderts das Entzücken der
Kenner ausmachte, auch der bequeme Schreibtischsessel
ist mit solcher Einlage geschmückt.
Antikisierende Zeichnungen, wie sie hier verwendet
sind, bieten ein Beispiel, daß der Künstler
sich leicht in den Dienst der Innenarchitektur
stellen kann, ohne seinen Zweck des rein Bildmäßigen
zu verlieren. Alte Techniken geben
Winke dazu und lassen oft überraschende
Wirkungen erzielen.
Durchaus modern leuchtet an heller Wand
im Teezimmer das Schränkchen mit rotem Lack
und vergoldeter Bronze. Merkwürdig gut stimmt
es zu dem Bild des Barockherrn darüber in
Harnisch und gepudertem Haar ... obwohl sie im
Wesen durchaus verschieden sind, der Ahnherr
und der moderne Schrank. Auch das Barockzeitalter
war eine Zeit der Farbenfreude und
dann — wirklich schöne Sachen vertragen sich,
selbst wenn sie verschiedenen Ländern und
Generationen angehören.
So hat Ernst Haiger zu einem schönen
Chippendale-Tisch aus alteingedunkeltem Mahagoni
ein Mobiliar gestimmt aus rotlackiertem
Holz mit grünseidenen Bezügen. Das Muster
ahmt jene, Chinoiserie genannte Mode nach,
die zur Aufklärungszeit die Freude an chinesischem
Geschmack und chinesischer Philosophie
kundgab. Die Sessel und das Sofa sind bequem
, natürlich schmiegt sich der Körper in
ihre Formen und die spitz ausladenden Lehnen
geben den Möbeln einen eigenartig künstlerischen
Charakter, der den modernen Zug mit
der Chippendale-Richtung verbindet.
Wir kommen erst langsam darauf, wie sehr
der englische Stil aus den Jahren der Königin
Anna, zu dem auch die Möbel des Chippendale
gehören, zu der modernen Auffassung von
Form und Farbe paßt. Die Idee, ein Mobiliar
auf den gegebenen alten und sehr wertvollen
Tisch hin neu und eigenartig zu schaffen, war
ausgezeichnet. Über dem Sofa hängen Familienbilder
, Pastelle aus dem 18. Jahrhundert in
weißen Originalrahmen, die sich von der feinabgetönten
gelben Wand vorzüglich abheben.
Das Bunte wird zur Harmonie, wenn es ge-
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