http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_46_1922/0193
ARCH. E. HAIGER
WOHNUNG EINES KÜNSTLERS: SCHREIBTISCHSTUHL UND
SCHRANK IN MAHAGONI. LACKEINLAGE GRÜN UND GOLD
GEDANKEN ÜBER KUNST
Unter Dingen, die man scharrt, sind die sicher
nicht wirklich gut, von denen der Schöpfer, wenn er
sie nach Jahren plötzlich wiedersieht, das Rezept noch
weiß. Gut sind höchstens die, vor denen man verwundert
fragt: Wie hast du das damals nur gemacht?
Wer wertvoll schaffen will, muß warten können;
nicht träge und gedankenlos, sondern angespannt und
lauschend, — aber doch warten.
Man kann dem schönen Vogel Phantasie nicht
befehlen, zu erscheinen, man muß spähen, wo er
kommt und ihn dann fangen.
Die stille, schlichte Melodie eines Architekturwerkes
verstehen die wenigsten Menschen; sie werden
erst aufmerksam, wenn geräuschvolle Orchestrierung
die Sinne kitzelt, oder bestenfalls wenn ein volksliedähnlicher
Anklang Sentimentalität erweckt.
Das alles aber wird erst besonders belebt, wenn es
im Grammophon des Unternehmertums vergröbert zu
Gehör gebracht wird.
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Die Schönheit einer Stadt ist ein Stück ihrer Betriebskraft
.
Man kann ruhig Geld hineinstecken, das sich nicht
verzinst. Es verzinst sich doch.
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