http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_46_1922/0194
Daß sie unmusikalisch sind, geben die Menschen
allenfalls noch zu; daß sie unbeanlagt sind für die
Schwingungen von Form und Farbe, werden sie niemals
zugeben; im Gegenteil, sie ärgern sich über
nichts mehr, als wenn sie merken, daß man sie dafür
hält.
Dem für Töne Unempfänglichen wird es selten
einfallen, seine Meinungen der Musik aufzwingen zu
wollen — dem für Form und Farbe Unempfänglichen
erscheint es meist als selbstverständliches Gebot, dieses
zäh zu versuchen.
i«
Mancher Kritiker wäre verloren, wenn das Geheimnis
bekannter würde, daß loben schwerer ist als tadeln.
Gut tadeln kann auch der Unfruchtbare, gut loben
kann nur der Fruchtbare.
*
Wenn die Feinheit deines künstlerischen Gefühls
nicht verstanden wird, bist du wehrlos. Es widerstrebt
einem edlen Empfinden, sich auf diese Feinheit zu
berufen; es schiebt lieber zur Verteidigung die banalsten
anderen Gründe vor. Mag der Spießer diese
Gründe nun gelten lassen oder widerlegen, er triumphiert
beide Male.
*
Kunst ist eine besondere Form, in der sich die
Liebe in der Welt äußert; diese Liebe kann Naturliebe
, Menschenliebe oder Eigenliebe sein.
Es gibt Kunstleistungen, die nur einer dieser Formen
der Liebe nachgehen, andere, in denen sich zwei
dieser Formen verbinden. Nur da, wo alle drei sich
bei einer Schöpfung vereinigen, entsteht die Prägung
großer, ewiger Kunst.
*
Die Diktatur des gesunden Menschenverstandes ist
nirgends eifriger am Werke und zugleich nirgends
unmöglicher, als in der Kunst. Alle anderen Gebiete
vermögen allenfalls noch Beweise zu erbringen, die
den gesunden Menschenverstand vom jeweilig Nötigen
überzeugen können. Der Kunst ist das unmöglich:
was sich in ihr beweisen läßt, ist ganz gewiß keine
Kunst mehr.
Ihr seid nicht zufrieden, wenn ihr das eigene Ich
nicht findet im Spiegel des Kunstwerks. Eitle Narren!
— das fremde Ich müßt ihr im Zauberspiegel suchen!
Sonst bleibt euch der Zauber dieses Spiegels ewig
verschlossen.
Fritz Schumacher-Köln
ARCH. E. HAIGER-MÜNCHEN
Q KAMIN-UHR (AUSFÜHR.
160
VON K. RÖHRER)
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_46_1922/0194