Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 46. Band.1922
Seite: 194
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schlössen. Das Primäre ist überall nicht der
Raum, sondern das Inhaltliche der Form, die
klassische oder antike Reminiszenz, das Inhaltliche
der Dekoration: das Literarische. Der
Inhalt der Dichtungen, die in den kleinen Bildchen
an den Wänden, an der Decke illustriert
sind, hat den Zimmern den Namen gegeben, die
literarischen Ideen in der Malerei gaben nach
der Anschauung der Zeit den Räumen den
inneren Wert, nicht die künstlerische Form. Ein
König, selbst ein Poet, hat sich von Kaulbach,
Foltz, Schwind, Heß, Zimmermann und Neu-
reuther die Heroen der Literatur durch Bilder
aus ihren Dichtungen vor Augen führen lassen.
Deutsche und antike Gedankenwelt, Walter von
der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach,
Goethe, Schiller, Klopstock, Wieland, Tieck,
Bürger, Homer, Hesiod, Pindar, Sophokles,
Aristophanes wechseln in bunter Reihe; nur ein
Mann mit intimsten Kenntnissen der Literatur
konnte den Inhalt der versteckten Sagen und
Mythen kennen. Was hat sich Kurfürst Maximilian
I. von Candid an die Wände seiner Wohnräume
malen lassen? Allegorien, die eine Mahnung
an seine eigene Person enthielten, Verherrlichungen
des Herrschertums mit seinen

Gaben und Pflichten. Der Romantiker auf dem
Königsthron fühlt sich in der fremden Dichtung
heimisch, die mit dem Raum, dem Bewohner
keine andere Beziehung hat als die der Illustration
.

Den Abschluß dieser einfachen, bei allem
Schmuck strengen, ja haushälterischen Raumfolge
bildet der Wintergarten. Auf die Dichtung
folgt der zweite Exponent dieser literarischen
Zeit, die Natur, auf die literarische Vergangenheit
die Exotik der Gegenwart, ein Stück Natur,
künstlich zurecht gemacht in der exotischen
Stilisierung der Balzac-Zeit, mit fremden Bäumen
und Blüten, auch ein Stück Romantik
und als solches unentbehrlich in der ganzen
Folge. Unentbehrlich namentlich heute, wo es
dem Auge des Beschauers nach der strengen Mo-
notonität der Wohnzimmer einen Ruhepunkt
gibt. Dieser Rest der Romantik, die einzige
Anlage dieser Art in Deutschland, soll in
nächster Zeit vernichtet werden, soll Alltagsbedürfnissen
geopfert werden. Mit diesem trostreichen
Ausblick in die Zukunft schließen wir
unsere Führung. Man könnte ein bekanntes
Wort auch so formulieren: jede Zeit hat die
Kultur, die sie verdient. Adolf Feulner

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